Marieke Lucas Rijneveld: Mein kleines Prachttier

Sein sexuelles Begehren nach dem Mädchen artet immer hemmungsloser aus, seine strategische Verführung ist skandalös.

Nein, es geht nicht um Nabokovs „Lolita“. Aber Marieke Lucas Rijnevelds neuer Roman weist gewisse Parallelen hierzu auf.

Er, der namenlose Protagonist ist ein neunundvierzigjähriger Tierarzt, der auf dem Milchhof ihres Elternhauses ein und aus geht. Er kennt sie schon als kleines Mädchen, sieht sie heranwachsen, gewinnt ihr Vertrauen und das des Vaters und ihres Bruders.

Das Mädchen wächst ohne Mutter auf dem Hof auf, in dem der Veterinär eine Vertrauensstellung genießt und schon fast wie zur Familie gehört. Sie hat sich zurechtgefunden mit dem von Männern und dampfenden Kühen besetzten Zuhause. Die Kühe sichern ihre Existenz. Alles dreht sich um die schweren Tiere, um ihre Euter, Ausscheidungen, Schleim und Blut, ihre Brünstigkeit, ihr Gebären und Sterben, um Kälberflechte oder Kalziummangel. Da bleibt kein Platz für die Empfindsamkeiten und Selbstfindungsprozesse eines Mädchens. Dafür flüchtet sie sich in ihre Phantasiewelten. Als Heranwachsende ist ihre Weltanschauung morbide, besetzt von einer Weltuntergangsthematik mit 9/11, traurigen Gedichten, Songtexten, Siegmund Freud und Hitler. Der Tierarzt ist einer, bei dem sie sich verstanden fühlt, mit dem sie über alles diskutieren kann.

Er bekennt, dass sie ihn schon erregt hat, als sie noch ein Kind war. Später, als sie allein mit sich und ihrem sich verändernden Körper ist, wird sie in den Wirren ihrer Gefühlsschwankungen,  vielen Unsicherheiten und ihrem altersgemäßen sich Ausprobieren zur leichten Beute für ihn – zumal sie ihn in ihrem unfertigen Gebaren durchaus bestärkt. So spinnt er seine krankhaften sexuellen Phantasien weiter und festigt mit perfidem Kalkül die Verbindung zu dem Mädchen. Dabei begibt er sich auf die Ebene des heranwachsenden Jungen, der er selbst gewesen war, der damals ein frühes Verliebtsein nie erleben durfte, was er nun mit aller Macht und Wucht nachholt. Seine Phantasien und sein Realitätsverlust entwickeln sich immer abstruser. Er erhebt das Mädchen zu seinem Augenstern, seinem Putto, seinem Prachttier, macht sie sich gänzlich zueigen, seziert das Leben dieses Mädchens körperlich und seelisch.

Die Erzählhaltung der Autorin lässt die Leser eintauchen in die kaputte Psyche und das krankhafte Triebverhalten des Tierarztes, indem sie ihn aus dem Gefängnis heraus wie in einem Brief zu dem Mädchen sprechen und das Geschehene reflektieren lässt. Das sprachliche Niveau und dass der Protagonist sich seines schwer gestörten Sexualverhaltens bewusst ist, macht ihn zu einem Schuldigen, den man in seine Abgründe hinein immer weiter  begleiten muss.

Die 1991 in Nordbrabant geborene Marieke Lucas Rijneveld gilt als die wichtigste junge niederländische Stimme. 2015 veröffentlichte sie ihren preisgekrönten Lyrikband Kalfsvlies. 2020 erhielt sie für ihren Debütroman Was man sät den International Booker Price.

Mit Mein kleines Prachttier ist Marieke Lucas Rijneveld eine grenzüberschreitende Geschichte über eine fatale Liebe gelungen, die sich so verstörend wie faszinierend liest!

Marieke Lucas Rijneveld: Mein kleines Prachttier.
Aus dem Niederländischen übersetzt von Helga van Beuningen.
Suhrkamp, September 2021.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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