Marie Brunntaler: Wolf

Schrötten im Schwarzwald, 1820: Als der ein etwa 15-jähriger Junge in der Wildnis aufgegriffen wird, nehmen sich die Mönche im Kloster seiner an. Doch da es zu einem Zwischenfall kommt, kann Gabriel, wie sie ihn getauft haben, nicht bleiben. Er kommt zu einer Schröttener Bauersfamilie namens Steinhauer, bei denen der Mann gelähmt ist und nicht mehr an der täglichen Arbeit teilnehmen kann. Gabriel macht sich nützlich und beweist bald, dass er sich sogar mit Heilbehandlungen auskennt. Als sich die um einiges ältere Bäuerin schließlich in ihn verliebt, beginnen mysteriöse Dinge.

Marie Brunntaler hat mit „Wolf“ einen interessanten, kurzen Roman geschrieben. Auf nur gut 240 Seiten entfaltet sich recht rasch, ohne Umwege oder Längen, die Haupthandlung. Gabriel wird in der Natur aufgefunden, wirkt erst geistig zurückgeblieben, spricht dann aber ab dem zweiten Tag doch fließend. Wo er gelebt hat oder was er in den letzten Jahren gar getan hat, daran kann er sich nicht erinnern. Auch nicht daran, wer ihm sein medizinisches Wissen gelehrt hat. Er weiß diese Dinge, ohne genau zu wissen, warum. Das macht ihn von Anfang an mysteriös. Und er wickelt sehr schnell, viele der Bewohner und Bewohnerinnen Schröttens um seinen Finger. Die Frauenherzen fliegen ihm zu, die meisten Männer schauen missgünstig auf ihn. Denn die meisten Schröttener fanden, „dass so etwas wie ein Engel in ihr Dorf gekommen war, der einen unsichtbaren Schleier aus Glück über ihren frierenden Ort breitete.“ (Zitat Kapitel 3) Nur Pater Berengar blickt hinter Gabriels Fassagde: „Dort wandelte kein Besonderer zwischen den Blumen, wie der Abt behauptete, dieser Junge war die Versuchung selbst.“ (Zitat Kapitel 10)

Und so nehmen Unheil und Geschichte ihren Lauf. „Wolf“ haftet eine geheimnisvolle Stimmung an. Viele Figuren spielen in dem kurzen Roman eine Rolle. Sie alle bewegen sich wie Schachfiguren über das Spielbrett. Und eine von ihnen scheint die Zügel in der Hand zu haben. Marie Brunntaler baut in ihrem Roman eine subtile Spannung auf, zeichnet aber auch ein deutliches Bild des einfachen Lebens der damaligen Zeit. Allein durch sein vielfältiges Wissen ist Gabriel vielen der Bewohner des Ortes schon überlegen. Er wickelt sie rasch um den Finger und kann unbeobachtet sein Spiel spielen.

Ein gelungener Roman!

Marie Brunntaler: Wolf.
Eisele Verlag, September 2019.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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