Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Rolle der Frau aus armen Verhältnissen klar umrissen: kein eigenes Geld, keine oder wenig Bildung, früh Kinder gebären und heiraten. Bei Heleen ist die Ausgangslage nicht gerade glücklich. Als Erstgeborene muss sie sich schon sehr früh um die kleinen Geschwister kümmern. Fast jedes Jahr bekommt ihre arbeitende Mutter ein weiteres Baby. Als Heleen zwölf Jahre alt wird, endet ihre Schulzeit. Sie wird in einer Schneiderei Laufmädchen und lernt nähen. Von dort beginnt ihre ungewöhnliche Karriere.

Die Autorin Marianne Philips wurde 1886 in Amsterdam geboren. Aus ihrem Werdegang als Politikerin, Schriftstellerin, Mutter und 1919 als erstes weibliche Ratsmitglied der Niederlande kann man erkennen, dass Emanzipation im Kopf der Frau stattfindet. Aus der Perspektive der Autorin kann das Märchen vom Prinzen, der ein schönes Mädchen lieben lernt und aus ihrer Armut und Not rettet, nur in einer neuen, ehrlichen Version erzählt werden. Dies gelingt der Autorin sehr überzeugend. Weder ist der erste Prinz ein guter Mensch, noch musste er seine zukünftige Königin retten, denn in ihrem Beruf war sie bereits eine. Die Autorin lässt Heleen von ihrer Einsamkeit erzählen und dass sie niemanden hatte, mit dem sie ihre Erlebnisse teilen konnte. Erfolg macht einsam und für Frauen erst recht. Karrierefrauen passen einfach nicht in die Schemata männlicher Erwartungen. Ein Umgang mit dem anderen Geschlecht auf Augenhöhe ist meist nicht gelernt worden. Genauso wenig haben Frauen begriffen, dass sich die erste Grenze in ihrem Kopf befindet. Vor neunzig Jahren gehörte es zum guten Ton, verheiratete Frauen in die Rolle der Hausfrau und Mutter zu pressen. Heleen passte diese Rolle nicht. Sie gehört zu den modernen Frauen, die eigene Ziele verfolgen. Schon als Mädchen hat sie ihren wahren Preis eingefordert. Wer sich selbst wertschätzt, wird automatisch anders wahrgenommen.

Im Verlauf zweier Nächte erzählt die erfolgsverwöhnte Heleen einer Nachtschwester von ihrer ersten Liebe und ihrem tiefen Fall, der sie in die psychiartrische Klinik gebracht hat. Heleen, die so lange geschwiegen hat, muss am Ende reden. So ähnlich muss es damals der Autorin ergangen sein, als sie zum Zwecke der Eigentherapie ihre Seele erleichterte und damit einen neuen Weg in der Literatur fand.

Wie Frauen durch gesellschaftliche Konventionen an die Leine genommen werden, ist nach wie vor ein aktuelles Thema. Denn auch wenn die erste Grenze im Kopf gefallen ist, gibt es außerhalb noch viele andere.

Der Roman wurde von Eva Schweikart aus dem Niederländischen übersetzt und hat ein Nachwort von Judith Belinfante, der Enkelin der Autorin.

Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht.
Aus dem Niederländischen übersetzt von Eva Schweikart.
Diogenes, April 2021.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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