Margaret Atwood: Die steinerne Matratze

Margaret Atwood gehört zu den großen Erzählerinnen unserer Zeit. Die 77-jährige Kanadierin erhielt für ihre Romane, Erzählungen und Gedichte  viele Auszeichnungen und Preise, u.a. 2009 den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund für ihr Gesamtwerk. Ihre Science Fiction liegt in der Tradition von George Orwell und Aldous Huxley. In ihren Texten nimmt sie politische Themen auf und gesellschaftliche Entwicklungen vorweg. Es geht um Macht, Religion, Feminismus, Umwelt und wie nun in dem im November im Berlin Verlag erschienenen Erzählband „Die steinerne Matratze“ um das Alter.

Da sind in der letzten Erzählung „Fackelt die Alten ab“ Wilma und Tobias gezwungen, vor einem tobenden Mob junger Menschen aus ihrer in Flammen stehenden Seniorenresidenz zu fliehen.

Oder die alternde Fantasy-Roman-Schreiberin Constance, die während eines Eissturms die Stimme ihres verstorbenen Mannes Ewan hört und in deren Wahrnehmung die Grenze zwischen Realität und ihrem erfundenen „Alphinland“ langsam verschwimmt.

In „Wiedergänger“ muss Constances ehemaliger Freund und nun berühmter Dichter Gavin, Geizhals und Egoist, in einem Interview mit der jungen, hübschen Studentin Naveena erkennen, dass es darin nicht um ihn und sein Werk geht, sondern um Constances „Alphinland“ und dass er Constance nicht vergessen hat.

Bei Gavins Beerdigung treffen in der Erzählung „Dark Lady“ Gavins Ehefrau Reynolds und seine „Ex-Holden“ Constance und Marjorie aufeinander und ein Bann wird aufgehoben.

Jack Dace schreibt in Studententagen zur Finanzierung seiner Miete eine Horror-Geschichte („Die tote Hand liebt dich“) und schließt mit seinen Mitbewohnern, Irena, Jaffrey und Rod,  einen Vertrag, die diesen einen Anteil an seinem Roman sichern. „Die tote Hand liebt dich“ erlangt Weltruhm und die drei ehemaligen Mitbewohner  kassieren mit. Nach Jahrzehnten dieser Abzocke will Jack endgültig aus dem Vertrag aussteigen.

In der titelgebenden Erzählung „Die steinerne Matratze“ begibt sich Verna auf eine Schiffsreise in die Arktis, um abzuschalten und trifft dabei auf ihren Jugendschwarm und Vergewaltiger Bob, für den die Reise bei einem Landgang abrupt endet.

Margaret Atwood hat in dem auffälligen, grellgelben mit schwarzem Krähenvogel (warum eigentlich nicht wie in der englischen Fassung ein Rabe, der in der Titelgeschichte auftaucht?) eingebundenen Erzählband „Die steinerne Matratze“ in einer Übersetzung von Monika Baark neun Erzählungen versammelt, die überwiegend fantastisch – im doppelten Wortsinn –  sind. Beginnend mit „Alphinland“ und der Asche auf das Eis streuenden Constance bin ich als Lesende beeindruckt von Atwoods Erzählkunst, die sich, wie ich finde, besonders in den sechs weiter oben beschriebenen Geschichten findet. In den ersten drei Erzählungen sind es die Figuren, die eine Verbindung zwischen den Texten herstellen. Figuren, die in allen Geschichten so trefflich gezeichnet sind, dass ich z.B. den alten und gebrechlichen, doch immer noch gnadenlos von sich selbst überzeugten Macho-Dichter Gavin auf seinem Sofa sitzen oder die „kleinen Leute“ in ihren Kostümen auf Wilmas Nachttisch herumlaufen sehe.

Atwoods Sprache ist einmalig, präzise und bildreich zugleich wie z.B. in einem Dialog zwischen Reynolds und Gavin in der Erzählung „Der Wiedergänger“:

Ist sie indischen Ursprungs. Wo schnappt sie nur immer diese geschwurbelten Wendungen auf? Immer wenn sie auf literarisch machen will, redet sie wie eine Figur aus einem Stück von Oscar Wilde. »Naveena«, sagt er. »Klingt nach Käsescheibletten. Oder nein – nach Enthaarungscreme.«“

Da gibt es keinen Zweifel mehr über das Frauenbild der Dichter-Figur Gavin.

Oder so unwiderstehliche Einleitungen wie: „Verna hatte anfänglich nicht vorgehabt, jemanden zu töten.“ Mehr braucht es nicht, um mich sofort an die Erzählung zu binden.

Die Alten in ihren Geschichten sind zwar skurril, aber keine bemitleidenswerten, tatterigen Greise. Atwood beschreibt sie mit Würde und Respekt. Also genau der Haltung, die man jedem Menschen gleich welchen  Alters entgegen bringen sollte.

Margaret Atwood schreibt diese Erzählungen so virtuos wie ihre Romane, sie versteht es meisterlich, kritische, bissige und (tod-) ernste mit leichten, ironischen Tönen voller Humor zu mischen, so dass einem zuweilen der Lesebissen im Hals stecken bleibt.

Als Fan der kurzen Erzählformen freue ich mich über (leider viel zu selten) gute Erzählungen oder Kurzgeschichten und „Die steinerne Matratze“ von Margaret Atwood gehört unbedingt dazu.

Margaret Atwood: Die steinerne Matratze.
Berlin Verlag, November 2016.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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