Margaret Atwood: Das Herz kommt zuletzt

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood (Jahrgang 1939) ist die (Erzähl-) Meisterin der bedrohlichen Zukunftsszenarien („Dystopien“). Sie nimmt  politische und gesellschaftliche Entwicklungen einer nahen Zukunft in ihren teils absurden, teils gefährlichen Auswirkungen erzählerisch vorweg und zeichnet so ein eher düsteres Bild vom zukünftigen Leben auf der Erde. So wie in ihrem neuesten Roman „Das Herz kommt zuletzt“, der am 3. April 2017 in einer Übersetzung von Monika Baark im Berlin Verlag erschienen ist. Darin erleben Charmaine und Stan ihr persönliches Desaster. Nach der Wirtschafts- und Finanzkrise haben sie Haus, Jobs und Geld verloren und leben in ihrem Auto, einem „Dritte-Hand-Honda“, im Nordosten der Vereinigten Staaten von Amerika. Das Leben auf der Straße zerrt an ihren Nerven und ihrer Beziehung. Charmaine hat einen Job als Kellnerin in der Bar „PixelDust“, in der Drogendealer und Prostituierte verkehren, Stan bleibt arbeitslos. In ihrer Not muss Stan sich Geld von seinem zwielichtigen, kriminellen Bruder Conor leihen.

Dann sieht Charmaine im Fernsehen eine Werbung für das Positron-Projekt in der Stadt Consilience, das ihr wie die Lösung all ihrer Sorgen erscheint. Sie überredet Stan, sich dort mit ihr als neue Bewohner zu bewerben. Conor warnt Stan vor einem Einstieg in das Projekt. Aber Charmaine ist begeistert und so unterzeichnen sie den Vertrag. Dabei sieht das Projekt vor, dass die Bewohner im monatlichen Wechsel einmal Wärter und einmal Häftling in Consilience/Positron sein werden. Mit ihren Tauschpartnern teilen sie sich ein Haus. So ist für alle Bewohner laut Ed, dem Chef des Pojektes, „ein sinnvolles Leben“ möglich. Allerdings darf niemand, der sich zur Teilnahme entschlossen hat, Consilience/Positron verlassen.

Zunächst klappt es für Charmaine und Stan wie am Schnürchen. Er arbeitet in der Roller-Werkstatt und im Gefängnis in der Geflügel-Anlage. Sie in der Medikationsabteilung des Gefängniskrankenhauses. Mit ihren Tauschpartnern Jasmine und Max haben sie keinen Kontakt. Oder doch?

Charmaine jedenfalls trifft sich bei jedem „Schichtwechsel“ heimlich mit Max und entdeckt ihre unerfüllten sexuellen Wünsche. Stan findet einen intimen Zettel scheinbar von Jasmine an Max mit der eindeutigen Botschaft „Ich hungere nach dir!“ und lässt seinen erotischen Phantasien über Jasmine freien Lauf.

Dann geht plötzlich beim Schichtwechsel etwas schief und Charmaine wird nicht aus dem Gefängnis entlassen. Stan lernt Jasmine kennen, die in Wirklichkeit Eds rechte Hand Jocelyn ist und ein doppeltes Spiel spielt. Auch Jasmines Mann Max, der Phil heißt, bleibt im Gefängnis.

Ein Verwirrspiel beginnt: Jocelyn benutzt Stan und auch Charmaine für ihre Pläne im Positron-Projekt, in denen auch noch Sexroboter („Potentibots“), Elvis- und Marilyn Monroe-Imitate und nicht zuletzt Stans Bruder Conor eine Rolle spielen.

„Das Herz kommt zuletzt“ beginnt als eine sichere Zukunftsversion für die Gesellschaft in Zeiten großer Verunsicherung und Spaltung. Das macht diesen Roman absolut aktuell, obwohl seit der Wirtschafts- und Finanzkrise schon einige Jahre ins Land gegangen sind. Margaret Atwood entwickelt erzählerisch eine alternative Lebensform mit all ihren Vor- und Nachteilen für die Menschen, die ihren Halt in ihrem bisherigen Leben verloren haben, wie die naiv hübsche Charmaine und der verlässlich langweilige  Stan. Das Positron-Projekt scheint eine Erfolgsgeschichte zu sein. Manipulation und Macht machen es möglich. Bis menschliche Gefühle, sexuelle Zwangsvorstellungen und individueller Machtmissbrauch überhand nehmen. Und das erzählt Atwood in ihrer berühmten offenen, sarkastischen Weise, so dass es mich als Lesende graust ob der Realitätsnähe.

Warum nicht? Private Gefängnisse gibt es schon, Sexpuppen auch und Menschen, die andere Menschen manipulieren und ausnutzen sowieso. Atwood beschreibt also nichts, was undenkbar wäre, das macht den Roman so interessant und lässt mich kerzengerade, aufmerksam im Sessel sitzend weiter lesen.

Allerdings hält „Das Herz kommt zuletzt“ (was im doppelten Sinne gemeint ist, aber hier nicht verraten werden kann) die Spannung nicht, denn Margaret Atwood driftet allzu arg ins Absurde ab. Sie reduziert die Handlung im Verlauf der Geschichte immer mehr auf die sexuellen Begierden und Begehrlichkeiten ihrer Figuren: „Ich glaube, du könntest. Ich glaube, du willst es…Du dreckiges, kleines Luder, hab ich recht? Du würdest es mit `ner ganzen Zwergenfußballmannschaft machen, wenn du genug Löcher hättest. Du willst es. Du willst uns beide gleichzeitig. Sag es.“

Bis hin zu Gehirn-OPs an Menschen auf Kundenwunsch: „Such dir ’ne Torte, mach den Eingriff, stell dich vor sie hin, wenn sie aufwacht, und sie ist für immer dein, immer willig, immer bereit, egal was du machst.“

Und das ist schade, weil es dem Roman seine Wucht und Brisanz nimmt und mich etwas enttäuscht wieder zurück in meinen Sessel sinken lässt.

Margaret Artwood: Das Herz kommt zuletzt.
Berlin Verlag, April 2017.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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