Marcy Dermansky: Wirklich nett

Becca, Jonathan und Rachel Klein sind eine wirklich nette amerikanische Bilderbuchfamilie – wohlhabend, mit großem Haus, Garten, Swimmingpool und dem Pudel Posey. Bis Jonathan eine Affäre mit der jungen Pilotin Mandy beginnt und aus der beschaulichen Kleinstadt in Connecticut in ihr kleines Appartement nach New York zieht. Becca ist sauer. Wie konnte er sie verlassen, wo doch gerade Posey gestorben ist? „Er schuldet mir was. Dieser Arsch mit Ohren.“ (Seite 58) Nämlich das Haus, in das sie ihre ganze Persönlichkeit gesteckt hat.

Dann steht auch noch dieser verrückte Junge mit einer Waffe in ihrem Klassenzimmer in der Grundschule, in der sie unterrichtet. Doch sie regelt die Sache ohne Blutvergießen, genauso wie sie alles regelt: souverän und äußerlich gelassen. Dass es in ihr ganz anders aussieht, zeigt sich auch daran, dass ihre Yoga-Übungen beinahe exzessiv ausdehnt – bis sie im Yogastudio zu den „Älteren“ gezählt wird. Und dann bringt Rachel in den College-Ferien auch noch einen neuen Pudel mit: Princess, den Hund ihres Professors Zahid Azzam, der sie in kreativem Schreiben unterrichtet, der vor Jahren einen Bestseller geschrieben hat und mit dem sie wirklich netten Sex hatte. Er musste zu seiner Großmutter nach Pakistan fahren, die im Sterben liegt.

Es ist eindeutig zu früh für Becca, einen neuen Hund zu versorgen, denn sie trauert noch um Posey. Oder ist sie doch schon bereit? Schnell schließt sie Princess in ihr Herz und benennt sie kurzerhand um in Posey.

Für Zahids Großmutter hingegen ist es an der Zeit. Kaum, dass er ihre Hand hält, stirbt sie. Und weil er in Pakistan nichts mit sich anzufangen weiß, kehrt er schon kurze Zeit später wieder zurück nach New York. Allerdings hat er seine Wohnung für den ganzen Sommer an Khloe vermietet – die Schwester seiner besten Freundin Kristi –, die so gar nicht auf seiner Wellenlänge liegt. Khloe möchte natürlich nicht, dass der völlig abgebrannte Zahid in seinem eigenen Wohnzimmer auf dem Sofa schläft, vor allem, weil sie sich Jane angeln möchte, ihre frühere Babysitterin, in die sie seit vielen Jahren hoffnungslos verliebt ist. Und so fährt Zahid nach Connecticut, um nach seinem Pudel zu sehen.

Für Becca kommt Zahid gerade recht: „Nach der Demütigung durch das Yogastudio, der Demütigung durch Jonathan, der mich wegen einer viel jüngeren Frau verlassen hatte, nach dem Verlust meines Hundes, des besten Hundes, den ich je gehabt hatte, schien es, als sei dies genau das, was ich jetzt brauchte. Ich brauchte einen jüngeren Mann. Sogar noch dringender als einen neuen Pudel.“ (Seite 118)

Also bleibt Zahid – und die Geschichte bekommt eine ungeahnte Dynamik für alle Beteiligten. Und zwischen all diesen Erwachsenen, die versuchen, sich zu orientieren, steht die 19-jährige Rachel, die ihren Platz im Leben sucht.

„Wirklich nett“ ist in diesem Buch vordergründig so einiges, aber in Wirklichkeit (fast) gar nichts. Es wimmelt von wunderschönen, aber selbstbezogenen Menschen, die sich nicht „wirklich nett“ benehmen. In einem scheinbar unverfänglichen Plauderton lässt die amerikanische Autorin Marcy Dermansky Rachel, Becca, Jonathan, Khloe und Zahid ihre Geschichten erzählen. Das lässt tief blicken, ist manchmal witzig, aber auch traurig oder bitterböse und oft weit entfernt von politisch korrekt.

Dabei sind sich die Figuren ihrer „moralischen Mängel“ oft durchaus bewusst. So weiß Khloe: „Die Vorgesetzten liebten mich, und das war es, was zählte. Ich war Diversität auf zwei Beinen. Sie wollten mich alle vögeln, und das war gar nicht mal schlecht.“ (Seite 42)

„Wirklich nett“ ist derb, gemein und voller Sex, aber es grast auch wie nebenbei brisante (gesellschafts-)politische Themen ab. Es geht um „gute Demokraten“, um Waffennarren, um Diversität, um kaputte Familien mit bröckelnden Fassaden, um arme Künstler und die Geld scheffelnde Finanzbranche. In allen Figuren schwelen Konflikte, die das Gefühl nähren, dass sie jeden Moment hochgehen könnten. Das liest sich spannend und sehr unterhaltsam.

Ein Roman, den man verschlingen kann, doch manchmal bleiben seine Widerhaken gemeinsam mit dem Lachen im Hals stecken. Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.

Marcy Dermansky: Wirklich nett.
Aus dem Englischen übersetzt von Martin Ruben Becker.
Kindler, Juni 2021.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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