Marco Balzano: Ich bleibe hier

Das Dorf Graun in Südtirol, Anfang der 20er Jahre. Trina hat gerade ihr Lehrerinnendiplom in der Tasche, als Mussolini die Macht ergreift und ihren Berufsperspektiven ein Ende bereitet. Das deutsch geprägte Südtirol wird von den Italienern eingenommen, wichtige Posten und Berufe mit Bewohnern aus südlicheren Landesteilen besetzt. Die deutsche Sprache wird verboten und darf nicht mehr unterrichtet werden. Notgedrungen arbeitet Trina auf dem Hof ihres Mannes Erich mit und unterrichtet heimlich die Kinder im Verborgenen weiter. In den folgenden Jahren muss die Familie immer wieder herbe Schicksalsschläge hinnehmen. Denn sowohl Trina, als auch ihr Mann Erich haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein und lassen sich weder von den Faschisten, noch den Nationalsozialisten unterdrücken. Gemeinsam mit ihren Kindern Michael und Marica wollen sie sich aus den geschichtlichen Verstrickungen heraushalten, doch dies erweist sich als undenkbar. Verhaftungen, Flucht und der alltägliche Kampf ums Hab und Gut prägt ihren Lebensweg. Trotz allem verbindet sie eine zwischen Liebe, Ehrfurcht und Hass geprägte Beziehung zu ihrer Heimat. Gerade als der Zweite Weltkrieg beendet wurde, bricht noch eine viel größere Katastrophe über Graun herein – der Fortschritt in Form eines Stausees, der das Dorf überschwemmen soll.

Der Autor spannt den Bogen von den 20er bis in die 50er Jahre hinein.  Die Ereignisse schildert Trina rückwirkend aus der Jetzt-Perspektive. Adressiert an ihre Tochter, die ihr kurz vor dem Zweiten Weltkrieg auf unfassbare Weise entrissen wurde. Balzano, der in Mailand geboren wurde und dort noch heute lebt, fängt dieses besondere Schicksal in bewegenden Szenen und Beschreibungen ein. Er nutzt die Erzählstimme seiner weiblichen Hauptperson, die aufgrund ihres relativ hohen Bildungsstands sowohl die rationale und reflektierte, als auch die emotionale Sichtweise zum Ausdruck bringen kann. Daneben findet er Bilder und Begrifflichkeiten, die sofort in eine andere Welt entführen. Die Leser riechen den Geruch des Stalls, spüren die Kälte des Schnees auf den Bergspitzen, können Schmutz und Verzweiflung, Glück und Trauer unmittelbar nachfühlen. Es ist ein hartes, entbehrungsreiches Leben, das sich Trina nie anders gewünscht hätte. Sie ist ein starker Charakter der Kriegsgeneration, der gelernt hat, sich trotz widrigster Umstände immer wieder aufzuraffen. Oder wie Trinas Mutter stets zu sagen pflegte: „Vorwärts zu gehen, ist die einzige Richtung, die erlaubt ist. Sonst hätte Gott uns die Augen seitlich gemacht. Wie den Fischen.“

Die Südtiroler eint ein besonderes geschichtliches Schicksal. Denn sie wurden nacheinander von Faschismus und Nationalsozialismus heimgesucht. Für die jeweiligen Machthaber blieben sie Bürger zweiter Klasse, die nirgendwo dazugehörten. Für Mussolini waren die Südtiroler zu sehr deutsch, für Hitler waren sie zu italienisch. Der eine versuchte sie zwangsweise „umzupolen“, der andere missbrauchte sie als billiges Kanonenfutter im Zweiten Weltkrieg. So mag es nicht verwundern, warum so viele alteingesessene Südtiroler ihrer Heimat trotz der angekündigten Katastrophe des Stausees treu geblieben sind. Vereint in ihrem Schicksal, saßen sie stets zwischen allen Stühlen und verharrten letztendlich in ihrer eigenen Blase, abgeschirmt von der Bergwelt.

Heute ist die Turmspitze der überfluteten Kirche eine Touristenattraktion. Ein begehrtes Selfie-Motiv unter Touristen. Doch macht sich jemand wirklich Gedanken, um die Schicksale, die dahinterstehen? „Was sind schon ein paar Häuser, wenn es um den Fortschritt geht?“ haben die zuständigen Behörden damals argumentiert. Die Bewohner blieben auf der Strecke, sie waren ein sprichwörtliches Bauernopfer. Auch die angekündigten Entschädigungen entpuppten sich als leere Versprechen, die bis heute niemals wirklich aufgearbeitet wurden.

Marco Balzano verleiht den aus der Geschichte Gefallenen wieder eine Stimme. Er bringt sie zurück ins Bewusstsein, zerrt sie an die (Wasser-) Oberfläche, führt uns Leser vor Augen, welche Schicksale unter dem malerischen Bergsee begraben liegen. Er zeigt, was Macht und Machtmissbrauch anrichten kann, im Großen wie im Kleinen. Ein erschütterndes, wichtiges Buch.

Marco Balzano: Ich bleibe hier.
Diogenes, Juni 2020.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.