Malin Lindroth: Ungebunden

Malin Lindroth ist über 50 und lebt alleine. Unfreiwillig. Zweierbeziehung, Ehe, Kinder Familie,… hat sich für sie nicht ergeben.

Schon als Kind ist sie nicht so süß, so gefällig, so zugänglich wie andere Mädchen. Als Jugendliche steht sie mit Pickel und strohigem Haar abseits. Sie glaubt dennoch fest daran, dass auf dieser Welt ein passender Partner für jeden existiert. Jemanden, den man bedingungslos liebt, der dieses Gefühl erwidert und für den man geboren ist.

Bei einem Schüleraustausch sagt eine Frau, für deren Bösartigkeit es kein passendes Wort gibt, zu ihr: „But don´t you worry, honey! Nobody will want to date you!“ (S.26.)

Diesen Satz wird Malin Lindroth ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen.

Zwischen neunzehn und dreiundzwanzig ist sie verlobt, hat Schwiegereltern in spe und einen Schrank voller Küchengeräte. „Alles Zeichen dafür, dass ich zum Kreis der Begehrenswerten gehöre.“ (S. 26) Sie kann sich aber nicht vorstellen, mit diesem Mann das Leben zu verbringen und löst die Verbindung. Fest davon überzeugt, nach diesem einen werden noch viele kommen, startet sie so richtig ins Leben.

Sie lernt auch viele Männer kennen. Sie verliebt sich. Aber keiner will eine feste Beziehung mit ihr eingehen.

Die Männer, die mein Leben kreuzten, sprachen viel von Liebe. Oft saßen sie mir direkt gegenüber und sehnten sich intensiv nach der einen, die kommen würde, nach den Kindern, die sie kriegen würden. Aber in einem waren alle sich einig: Die Frau, die sie suchten, war in keinem Fall ich.“ (S. 32)

Die Zurückweisung wird ihr zur bitteren Vertrauten, die Verletzungen durch diverse Männer, die sie liebt, sind ohne Zahl. „Das Wort „nein“ ist mir sehr vertraut. Ich kenne es in allen Formen und Varianten. Ich habe es so viele Male gehört, in so vielen Stimmlagen und Zusammenhängen, dass es ein Teil von mir geworden ist.“ (S. 37.)

Sie sucht nach einer Bezeichnung für sich, nach einem Ordnungspunkt auf der sozialen Landkarte. Letztendlich kommt sie zu dem Schluss, dass „alte Jungfer“ zu ihr passt. Was aber ist das genau, eine alte Jungfer? „Als Partnerin, Ehefrau, Geliebte und Mutter hat sie sich als untauglich erwiesen. Bleibt nur noch: Freundin, Mäzenin, Sekretärin und/oder Dienstmagd.“ (S. 64)

Mutig und schonungslos offen berichtet sie von ihrer Einsamkeit, davon, wie es sich anfühlt, in einer Welt, die selbstverständlich von einer Zweierkonstellation ausgeht, als Einzelne durchs Leben gehen zu müssen. Ja, müssen, denn ausgesucht hat sie sich dieses Lebensmodell nicht. Es ist ihr zugefallen, zuteil geworden. Letztendlich hat sie sich damit weitgehend versöhnt.

Als ich jung war, hatte ich ganz durchschnittliche Sehnsüchte. Ich wollte einen Mann, zwei Kinder, ein Reihenhaus in einem Vorort und vielleicht eine eigene Ballettschule. Aber das Leben verlief anders. Ich wurde eine alte Jungfer, und auf dem Weg dorthin habe ich Dinge gefunden, von denen ich nichts geahnt hatte. Fast all mein Wissen über Macht und Machtlosigkeit stammt aus meinem Leben als alte Jungfer. Das gilt auch für meine Überzeugung, dass ein Leben erst dann begreiflich wird, wenn wir es als Kollision zwischen Sehnsucht, Unfähigkeit, Verlust, Zufall und Möglichkeiten erachten und nicht als die Summe freier Entscheidungen.“ (S. 105)

Dieses schmale Büchlein hat mich schwer zum Nachdenken gebracht. Was wir haben, wer wir sind, hängt auch ganz viel von Glück und Zufällen ab. Manches bekommen wir im Leben einfach nicht. Auch wenn wir es uns noch so sehnsüchtig wünschen. Mit einigem müssen wir uns abfinden, so bitter es auch für uns sein mag. Nicht alles ist machbar, nicht alles wird am Ende gut.

Hut ab vor Malin Lindroth.

Malin Lindroth: Ungebunden: Das Leben als alte Jungfer.
Piper, Oktober 2020.
112 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Karina Luger.

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