Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers

Ringfjörden, Norwegen 2017: Alle wissen über den Klimawandel Bescheid, aber keinen interessiert‘s! Die 70-jährige Umweltaktivisten Signe ist frustriert. Nachdem die Wasserfälle und der Fluss Breio einem Kraftwerk zum Opfer gefallen sind, soll nun das letzte Gletschereis an zahlungskräftige Scheichs in Arabien verscherbelt werden.

Bordeaux, Frankreich 2041: Europa ist zweigeteilt. Nach einer großen Dürre ist kein Leben mehr in den südeuropäischen Ländern möglich. Millionen versuchen, in die „Wasserländer“ Nordeuropas zu fliehen, doch die haben ihre Grenzen dicht gemacht. David und seine siebenjährige Tochter Lou kämpfen in einem französischen Flüchtlingslager ums nackte Überleben.

Wie Bestsellerautorin Maja Lunde uns Lesern und der gegenwärtigen Klimakrise den Spiegel vorhält, lässt sich nur mit Superlativen beschreiben. Hochemotional und äußerst beklemmend!

In erschreckenden Bildern beschreibt die norwegische Autorin den schrittweisen Zerfall der Zivilisation in Europa. Leere Regale in Kaufhäusern, Zusammenbruch von Kommunikationsnetzen sowie Infrastruktur, Massenflucht, Völkersterben. Dazu immerwährender Hunger und Durst, drückende Hitze. Wie Zombies umherwandelnde Menschen, bedeckt mit einer Schmutzschicht aus Ruß, Schweiß und Dreck, da Wasser rationalisiert ist und nicht mehr zum Waschen verschwendet werden darf. Eine seltsame Stille. Insekten und Vögel sind längst verstummt, nun auch die Kinder. Sie haben ihre Spiele eingestellt.

Auch Lou verhält sich nicht mehr kindgemäß. Auf der Flucht vor einem Waldbrand hat sie ihre Mutter und ihren kleinen Bruder verloren, die Zustände im Flüchtlingslager sind ebenfalls fürchterlich. Lange Schlangen, leere Mägen, Gewalt und Unruhen. Doch eines Tages findet ihr Vater ein Boot, das neben einem ausgetrockneten Flussbett liegt. Was zunächst als Spiel und eskapistischer Zeitvertreib beginnt, könnte zur Rettung werden. Unterstützung erhalten sie von den neu gewonnenen Freunden Marguerite und Francis. Menschen, denen sie in ihrem bisherigen Leben nicht begegnet wären. Doch im Flüchtlingslager verschwinden alle Standesgrenzen. Wenn im Sanitärbereich jeder versucht, die fünf Liter Wasser pro Woche, die zum Waschen zur Verfügung stehen, für die eigenen (Designer- oder Discounter-) Klamotten einzuteilen, scheint dies nicht mehr von Belang.

Durch Kenntnis der zweiten Handlungsebene, liest sich der Handlungsstrang um die Journalistin und Umweltaktivistin Signe in der Gegenwart umso packender. Sie segelt mit gestohlenem Gletschereis nach Frankreich, um ihre Jugendliebe Magnus zur Rede zu stellen, der dem ausbeuterischen Verkauf zugestimmt hat. Dabei reflektiert sie ihre eigene Vergangenheit, denkt an die Umweltzerstörung ihrer Heimat, wie scheinbarer Fortschritt dazu beiträgt, die eigenen Ideale zu verraten. An die Brüche zwischen ihrem Vater, einem Naturschützer und ihrer Mutter, einer Hotelbesitzerin. An den Verrat ihrer großen Liebe, der den Annehmlichkeiten eines bürgerlichen Lebens erliegt.

Mit Signe und David hat die Autorin faszinierende Charaktere mit Brüchen und Kanten geschaffen. Sie gewinnen unsere Sympathie, auch wenn ihr Charakter oft geprüft wird. Mal geht es um ungeborenes Leben. Mal geht es um moralische Streitfragen: Soll man den Inhalt des letzten Wassertanks teilen oder für den eigenen Bedarf horten? Beide Handlungsebenen werden in der Ich-Form formuliert, was die Identifikation mit den Figuren erleichtert. Sie offenbaren uns Einblicke in ihr Gefühlsleben. Sie sind innerlich zerrissen, stehen kurz davor, zusammenzubrechen.

Maja Lunde führt beide Storylines zusammen und lässt doch Raum für Spekulation, klassische Happy Ends darf der Leser hier nicht erwarten. Vielleicht ist das Ende auch deshalb offengehalten, da wir es selbst schreiben müssen. Im Hier und Jetzt. Wie wollen wir und unsere Enkelkinder einmal leben? Wie wollen wir mit den Ressourcen der Natur umgehen?

Klassische „Action“ findet der Leser auf diesen 480 Seiten ebenfalls nicht vor. Stattdessen etwas viel Besseres. Es sind die kleinen, sich lautlos anschleichenden Veränderungen, die wir zunächst nicht wahrhaben wollen. Verstummende Grillen oder Toilettenpapier, das nicht mehr aufgefüllt wird. Es ist das leise Grauen, das uns davon abhält, zu handeln. Ein selbstzerstörerisches Paradoxon! Wirft man einen Frosch in kochend heißes Wasser, springt er wieder heraus. Setzt man ihn in kaltes Wasser, das man langsam erhitzt, bleibt er reglos sitzen und stirbt. Genauso verhält es sich mit dem Klimawandel oder den Storylines. Diese Art von Grauen ist viel subtiler, gewaltiger, erschreckender – und daher umso spannender.

„Die Geschichte des Wassers“ ist die Geschichte der Menschheit, die glaubt, den blauen Planeten beherrschen zu können. Und sie ist kein utopisches Armageddon. Die Osloer Autorin, die schon mit „Die Geschichte der Bienen“ einen internationalen Bestseller vorgelegt hat, beschreibt im zweiten Teil ihres angepeilten Klimaquartetts von Zuständen, die längst gelebte Realität sind. Sie schafft es, Informationen und Emotionen hervorragend miteinander zu verbinden. Warum sterben Wasseramseln, wenn das Wasser nicht mehr rauscht? Welche vielfältigen, nicht abschätzbaren Verflechtungen halten die Natur am Leben? Zudem merkt man der norwegischen Autorin ihre Leidenschaft für Wasser in Form von Fjorden und Gletschern an, vergleichbar mit dem Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“.

Für die Handlungsebene in Frankreich hat die Autorin in einem Flüchtlingslager in Athen recherchiert. Dies sorgt nicht nur für die Authentizität ihrer Prosa, sondern für einen weiteren Gedankengang. Was im Buch in Europa noch als mögliches Zukunftsszenario angedacht wird, ist in vielen, von Hunger- und Dürrekatastrophen gebeutelten Ländern Afrikas längst Alltag.

Müssen die Wort-Case-Szenarien des Klimawandels also erst in den Industrienationen ankommen, damit ein Umdenken stattfindet? Wir stehen am Scheideweg, den Maja Lunde in einem Gespräch zwischen Signe und Magnus auf den Punkt bringt. Ingenieur Magnus sieht in dem Kraftwerk, das den Fluss verdrängt hat, ein Symbol für menschliche Größe, Schaffenskraft und Zukunftsplanung zur Arterhaltung. Daraufhin kontert Signe: „Menschliche Größe ist eine Kontradiktion. Wir kümmern uns nur um uns selbst und um unsere Kinder. Diejenigen, die nach uns kommen, vergessen wir. Damit ist der Beschützerinstinkt wohl gescheitert.“

Fazit: Ein (über-) lebenswichtiges, großartiges Buch! Aufwühlend, ohne belehrend zu sein. Mit Empathie für das Wesen der Menschheit und einem subtilen Appell zum Handeln. Wen Umweltzerstörung und Klimawandel nach dieser Lektüre noch kaltlassen, der sollte schleunigst einen Arzt aufsuchen, um die eigenen Lebensvitalfunktionen überprüfen zu lassen…!

Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers.
btb Verlag, März 2018.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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