Maika & Maritza Moulite: One Of The Good Ones

Was wäre, wenn Familien generationsübergreifend um ihr Leben fürchten? Was wäre, wenn der gewaltsame Tod in jeder Generation fest verankert ist? Und was wäre, wenn dies so normal ist wie das Atmen?

Die Familie Smith aus Los Angeles mit den Töchtern Kezi, Happi und Genny haben ebenfalls diese Gewalterfahrung. Kezi will dieser Tradition auf den Grund gehen. Und je mehr sie erfährt, umso häufiger berichtet sie darüber auf YouTube. Der Erfolg ermutigt sie, auf eine Demo zu gehen, wo sie prompt verhaftet wird. Die Achtzehnjährige erfährt eine Polizeigewalt, die sie sich nie vorstellen konnte.

Danach erhält die Familie Smith eine Urne. Happi und Genny glauben, sie können ihre Trauer nur bewältigen, wenn sie die von Kezi vorbereitete Reise antreten.

Die Schwestern Maika und Maritza Moulite schreiben, um die Wahrnehmung auf die People of Color (PoC) zu verändern. Silvia Kinkel und Constanze Wehnes haben den Jugendroman aus dem Amerikanischen übersetzt. Die Autorinnen thematisieren in ihrer Geschichte versteckte Angriffe. Einer ist die Formulierung, jemand wie die junge Kezi sei eine der Guten gewesen. In ihrem Nachwort erklären Maike und Maritza Moulite, man könne aus dieser Redewendung eine Teilung in würdig oder unwürdig herleiten. Dieser Eindruck dränge sich immer dann auf, wenn Weiße Peoples of Color brutal behandeln, und allein der Hinweis auf einen unwürdigen Lebenswandel reiche als Rechtfertigung aus. Kezis Geschichte beschreibt viele Fälle, bei denen das für jeden Menschen geltende Gesetz ignoriert wird.

Die verschiedenen Erzählperspektiven kann man mit Puzzleteilen vergleichen, die allmählich ein weitgefächertes Bild über fehlende Menschenrechte offenlegt. Es ist glaubwürdig, ergreifend und kann niemanden unberührt lassen. Weil dieser Roman für Jugendliche gedacht ist, haben die Autorinnen die tatsächliche Brutalität nur zart angedeutet. Auch ohne blutige Farben kann jeder die Botschaft verstehen. Am Beispiel von Onkel Clyde, der nicht müde wird, in seinen Gottesdiensten Hass und Vorurteile zu predigen, wird die Vielschichtigkeit für schwelende Konflikte an allen Fronten deutlich. Sie sorgen für immer neuen Unfrieden. Irgendwann wird bei der Lektüre der Gedanke laut, es könne erst Frieden herrschen, wenn jeder die ständigen Manipulationen bewusst wahrnimmt. Erst dann kann vermutlich ein Umdenken beginnen.

Bevor Kezi zur Demo aufbricht, erklärt Derek, er komme auf keinen Fall mit. „Ich lass mich doch nicht zur Straßenstatistik zusammenschlagen.“ (S. 41) und Kezi denkt: „Er klang schon wie meine Eltern.“ (S. 41)

Was sie nach ihrer Verhaftung erlebt, überrascht und irritiert zugleich.

Augenöffner wie der Jugendroman der Schwestern Moulite verdeutlichen: Ihre kurzweilige und spannende Geschichte wäre anders verlaufen, wenn Kezis Haut hell und ihre Haare blond gewesen wären.

Maika & Maritza Moulite: One Of The Good Ones.
Aus dem Englischen übersetzt von Silvia Kinkel & Constanze Wehnes.
Loewe, November 2021.
416 Seiten, Taschenbuch, 14,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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