Madame Nielsen: Lamento

Ein Abgesang auf die Liebe, wie es ihn in dieser schonungslosen, literarischen Radikalität kaum gibt. Aus Verliebtheit wird Liebe, aus Liebe wird Hass. Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, zeichnet die Stationen ihre Beziehung nach, richtet das Geschriebene vage an ihre Leser sowie an ihre inzwischen erwachsene Tochter. Von Anfang an lässt die Autorin keinen Zweifel: Diese Liebesgeschichte wird nicht gut ausgehen. Nicht genug, dass sie an ihrer eigenen Leidenschaft verbrennt. Sie muss auch noch weitere Brandleichen am Wegesrand zurücklassen, in diesem Roman sogar sprichwörtlich. Das Klagelied, das Lamento, wirkt auf mehreren Ebenen.

„Die Verliebtheit kann so heftig sein, fiebrig, verzehrend, dass die Liebe, die aus ihr entstehen soll, eine Enttäuschung wird, die Welt kehrt zurück, die Zeit fängt an zu vergehen, und es fühlt sich an wie Verlassensein und Verrat, auf einmal ist man einander entrissen und keine inzestuös verwachsenen Zwillinge mehr, sondern jeder ist seine eigene Welt und muss dem anderen in die Augen sehen.“ (S. 156).

In diesem Plot ist kein Platz für lauwarme Gefühle, es gibt nur Höhepunkte und Höllen, ein „zu Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt.“ Jung ist sie, die Schriftstellerin, als sie den ebenso jungen Dramaturgen nach einem Theaterstück kennenlernt. Berauscht von Liebe ziehen sich die beiden in ihr Nest zurück, trinken Wein aus dem Mund des anderen, lesen einander Geschichten vor, fahren mit dem Fahrrad durch kalte, skandinavische Nächte. Doch kaum hat sie seinen Antrag angenommen, der ihr rückblickend wie eine Inszenierung vorkommt, beginnt das Glück sich aufzulösen. Im Anschluss an eine Frankreichreise passiert eine schreckliche Tragödie, verschuldet von den Frischverliebten. Als wenig später ihre Tochter geboren wird, zieht sich ihr Mann zurück, beide müssen ihren Platz neu definieren. Er liebt sein Kind, erfüllt seine Pflichten, doch die Eheleute driften immer weiter auseinander. Er geht nicht fremd, zumindest nicht mit einer Frau. Schlimmer: Er betrügt sie mit immer radikaleren Grenzerfahrungen und Theater-Projekten. Will das Leben eines anderen leben, sich an den Rand der Gesellschaft begeben, die verursachte Tragödie dramaturgisch aufarbeiten. Am Ende steht alles in Flammen, es ist der lodernde Hass.

„So ist sie, die Verliebtheit, sie treibt Menschen in den Wahnsinn, sie kann sich in alles Mögliche verwandeln und tut’s auch, jederzeit, und immer, ehe ihr’s ahnt. Hass. Zerstörung. Eifersucht. Wahnsinn. Verzweiflung. Perversion. Selbstmord. Sex. Sie bringt euch um, ihr überlebt’s nicht und sie ebenso wenig. Gott sei Dank.“ (S. 39)

Von dieser intelligent und schonungslos beobachteten Tour de Force berichtet Madame Nielsen in einem fließenden Erzähltempo. Ihre Sätze nehmen teils epische Ausmaße an, der Strom an Gefühlen und Gedanken soll nicht durch Punkte unterbrochen werden. So gleicht der Erzählakt einem Liebesakt, rhythmisch in atemlosem Tempo vorgetragen, ein Vor und Zurück, ein Aufgehen im Moment, eine völlige Hingabe an die Liebe. Wer kurze, prägnante Prosa liebt, wird sich an diesen Erzählstil erst gewöhnen müssen, alle anderen können sich in einen tranceähnlichen Zustand hineinlesen und für ein paar Stunden die Welt um sich herum vergessen.

Die dänische Autorin, Schauspielerin und Sängerin Madame Nielsen wurde für ihre Romane vielfach ausgezeichnet. Als Claus Beck-Nielsen geboren, beherrscht Madame Nielsen den Spagat zwischen den Geschlechtern perfekt, weiß beide Seiten einzunehmen. Das Leben als einzige Verwandlung ist ein zentrales Motiv in ihrem Wirken. Der Wandel der Liebe – selten wurde er so schonungslos brutal und gleichzeitig lyrisch schön wie in „Lamento“ beschrieben.

Madame Nielsen: Lamento.
Aus dem Dänischen übersetzt von Hannes Langendörfer.
Kiepenheuer&Witsch, April 2022.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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