Maarten ’T Hart: Der Nachtstimmer

Der niederländische Schriftsteller Maarten ’t Hart (Jahrgang 1944) hat einen neuen Roman geschrieben. Am 31. Mai 2021 erschien „Der Nachtstimmer“ in einer Übersetzung von Gregor Seferens im Piper Verlag.

Darin fährt der Orgelstimmer Gabriel Pottjewide in den 1980er Jahren in die südholländische Provinz, um in einer kleinen Hafenstadt die Orgel der Groote Kerk zu stimmen. Gabriel Pottjewide ist wohl der beste Orgelstimmer der Niederlande, sein Spezialgebiet sind Schnitger-Orgeln. Die Orgel in der Groote Kerk stammt von dem Schnitger-Schüler Rudolf Garrels. Die Stadt empfängt ihn mit üblem Geruch, unfreundlichen Menschen und einer sehr einfachen Unterkunft im Seemannsheim. Die Kellnerin Sjaan serviert ihm dort FGK (Fleisch, Gemüse, Kartoffeln). Außerdem tagt gerade eine Versammlung einer freikirchlichen Gemeinde, mit der Pottjewide in eine Diskussion über die Auslegung einer Bibelstelle gerät und einen zusätzlichen Auftrag zum Stimmen der Orgel in der Immanuëlkirche erhält. Zur Unterstützung beim Stimmen werden ihm Mutter und Tochter Edelenbos zur Seite gestellt. Gracinha Edelenbos ist Kapitänswitwe und einst aus Brasilien in die Niederlande gekommen. Ihre Tochter Lanna gilt als geistigbehindert, sie spricht nicht, ist aber eine geniale Orgelstimmer-Helferin. Wegen des Lärms der ortsansässigen Schiffswerft kann Gabriel Pottjewide nur in den Abend- und Nachtstunden stimmen. Zwischen den Dreien entwickelt sich langsam und zögerlich ein freundschaftliches Verhältnis. Das gefällt nicht allen in der kleinen Stadt. Die wunderschöne Gracinha wird von vielen begehrt. Pottjewide bekommt das zu spüren. Nur knapp entgeht er einem Anschlag auf sein Leben. Und er verliebt sich in Gracinha.

Mit „Der Nachtstimmer“ tauche ich als Lesende in die Maarten ’t Hart – Welt ein. Seine bekannte Bibelfestigkeit gibt er seinem Protagonisten Gabriel Pottjewide mit auf den Weg. ’T Harts Ich-Erzähler ist ein genialer, jedoch vom Glauben abgefallener Orgelstimmer. Eigensinnig läßt er ihn Bibelverse zitieren und vor allem in Frage stellen. Die beiden weiblichen Figuren sind exotisch, sehr attraktiv die eine, beinahe stumm die andere. Und dazu gibt es noch mehr oder weniger skurrile, schrullige Nebenfiguren wie z.B. Kris Cloppenburg, den Bibel-Sammler. Die niederländische Kleinstadt entpuppt sich als dreckig und laut. Maarten ’t Hart erzählt über die Musik, die Bibel und die Liebe. Das sind die Themen, mit denen er sich in vielen seiner Bücher beschäftigt hat. Detailreich schildert er Pottjewides Arbeit an den Orgeln. Pottjewide liebt klassische Musik und bewundert deren Komponisten. Und er weiß die Arbeit von Gracinhas Tochter Lanna, die von allen für geistig behindert gehalten wird, zu schätzen. Damit gewinnt er die Sympathie der schönen Mutter. Die Dialoge zwischen ihm und Gracinha mit ihrem gebrochenen Niederländisch sind erfrischend und voller Humor. Für sie will Pottjewide sein Portugiesisch aufbessern, er besorgt sich eine portugiesische Bibel. ’T Hart erzählt eine sanfte Liebesgeschichte gewürzt mit ein wenig Krimihandlung. Schließlich wird dem Orgelstimmer Gabriel Pottjewide nach dem Leben getrachtet. Der Täter entpuppt sich als zusätzliches Überraschungsmoment in der Geschichte.

Maarten ’t Harts „Der Nachtstimmer“ ist sprachlich auf schöne Weise altmodisch (wie auch das Cover der deutschen Ausgabe). Im Inhalt finden sich große Lebensthemen: der Glaube, die Liebe und die Heimat. Und wie immer bei Maarten ’t Hart ist es ein großes Vergnügen, darüber zu lesen.

Maarten ’T Hart: Der Nachtstimmer.
Aus dem Niederländischen übersetzt von Gregor Seferens.
Piper, Mai 2021.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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