Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Der Roman beginnt 2001 und arbeitet sich bis in die Nähe der Gegenwart vor. Phillip und Tobias sind zwei Brüder, die in der tiefsten Provinz Ostsachsens aufwachsen. Zuerst sieht alles nach Aufbruch und Zukunft aus, die Eltern bauen ein Haus (das sich als längeres Projekt als der Berliner Flughafen erweist), die Welt scheint den jungen offen zu stehen. Aber sie leben in der Provinz, es gibt fast nichts, keine Schule, keine Unterhaltung, nur die Dorfgemeinschaft. Als die beiden älter werden, entwickeln sie sich auseinander, haben unterschiedliche Wertvorstellungen, aber in beiden wächst die Wut auf ihr Leben, das sich scheinbar fernab von allem abspielt was spannend und vielversprechend ist.

Ich wollte dieses Buch unbedingt lesen, weil mich das Thema interessiert hat. Wieso schließt sich ein Jugendlicher rechtsradikalen Organisationen an? Bloß weil es nichts anderes gibt? Ich wollte eine literarische Erklärung. Weniger für die Wut, die im Osten herrscht, das kann ich nachvollziehen, aber für die Eskalationen. Leider fand ich nicht, dass das Buch die versprochene Erklärung geliefert hat. Lukas Rietzschel beschreibt zwar die Lebensgeschichte der Brüder und ihrer Freunde, beschreibt auch, DASS es zu Eskalationen kommt, aber trotzdem blieb mir das WARUM weitestgehend verschlossen. Was dem Roman in meinen Augen völlig fehlt, ist eine Reflexion der Protagonisten.  Zu sich selbst, die es auch dem unbeleckten Leser ermöglicht hätte mehr zu denken als „Häh, wieso denn jetzt? Ist er blind oder blöd?“

Wenn ich den Schreibstil positiv beschreiben möchte, würde ich sagen, er entspricht dem langweiligen Leben in der Provinz in Ostsachsen. Das Buch zieht sich trotz theoretisch wirklich spannender Ereignisse hin wie Kaugummi. Ja, der Autor hat gut beobachtet, sicherlich kommen auch die meisten Lebensereignisse, die die Wut in der Provinz anschüren vor. Trotzdem konnte mich der Roman wenig überzeugen. Weder als Roman noch als Erklärungsversuch oder auch nur als zeitgeschichtliche Aufzeichnung. Denn diese Geschichte von Enttäuschungen und Dorf gibt es nicht nur in Sachsen. In den ländlichen Gebieten der anderen Bundesländer, ob alt oder neu, sieht es nicht anders aus.

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen.
Ullstein, September 2018.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.

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