Lukas Hartmann: Schattentanz: Die Wege des Louis Soutter

 „‚[…] ich muss mich von allem befreien, was mich beengt, sonst gelingen mir die Bilder nicht.‘
‚Und wann sind sie gelungen?‘, fragte ich.
‚Eine dumme Frage, Charles-Edouard. Wenn sie fertig sind, wenn ich beschließe, nichts mehr daran zu ändern.‘
‚Ich kann dich bei dieser Malweise nicht unterstützen‘, sagte ich.
‚Du willst nicht sehen, was sich dahinter verbirgt.‘ Seine Stimme senkte sich, er flüsterte bloß.“
(S. 238)

Als Charles-Edouard 1927 seinen Cousin Louis Soutter besucht, befindet sich der begnadete Maler in einer Abgeschiedenheit, die für viele nur schrecklich und trostlos wäre. Doch Louis arrangiert sich 19 Jahre lang mit seiner Entmündigung und auch mit seinem Zimmer in einem Altenheim für Mittellose. Hier entstehen seine wichtigsten Werke, die von seinen Zeitgenossen nur am Rande gewürdigt werden. So manches Bild nehmen Angestellte des Heims, um damit den Ofen zu entzünden. Dies ändert sich erst, als Louis im Beisein seiner Mitbewohner ein Honorar für einige Werke erhält.

Der Schweizer Lukas Hartmann studierte Germanistik und Psychologie. Sein bunter Werdegang über Lehramt, Journalismus und die Welt der Medien brachte ihn schließlich zu der Kunst des Schreibens von Kinder- und Erwachsenenromanen. Heute zählt er in seinem Heimatland zu den bekanntesten Schriftstellern. Um das Leben des Künstlers Louis Soutter (1871-1942) nachzuempfinden, folgte er Soutters Spuren. In einem Nachwort schreibt der Autor, wie er über viele Jahre sein Vorhaben reifen ließ, um über das besondere Leben eines Außenseiters und Ausnahmekünstlers schreiben zu können, der zu den wichtigsten Vertretern der Art Brut gehörte. Dies gelingt ihm, indem er die Erlebnisse verschiedener Weggefährten mit dem Künstler zu einer greifbaren und emotional berührenden Lebensgeschichte zusammenführt. Bei der Lektüre fällt auf, wie Louis Soutter immer wieder in seiner künstlerischen Entfaltung gehindert wurde. Die beschriebenen Versuche der Gleichmacherei konnten ihn jedoch nicht brechen. Er war stärker als der konventionelle Kunstgeschmack.

Lukas Hartmann gelingt das Kunststück, eine traurige Geschichte in einen berührenden, wunderschön erzählten Roman zu verwandeln. Und am Ende bleibt der Wunsch, die Schattentänze selbst zu sehen und sein Herz der Kunst zu öffnen.

Lukas Hartmann: Schattentanz: Die Wege des Louis Soutter.
Diogenes, Februar 2021.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00  Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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