Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

Lucia Berlin – ein Name, der nach einer angesagten Bloggerin aus der Hauptstadt klingt. Tatsächlich handelt es sich um eine US-amerikanische Autorin, die im Stil von Raymond Carver große Literatur in kleine Szenen verpackt. Szenen, die erschüttern, unterhalten, verblüffen, nachwirken. Die Autorin wurde 1936 in Alaska geboren und starb 2004 in Kalifornien. Ihre Protagonisten sind Alkoholiker, Einwanderer, Krankenschwestern, Putzfrauen, Sekretärinnen, Alleinerziehende, Frauen, die im Alltag ihren Mann stehen müssen. Zum Glück wurde Berlins Literatur posthum wiederentdeckt. Sonst hätten WIR Leser etwas Großartiges verpasst! Allein im Jahr 2015 erhielt ihre Prosa den California Book Award und zählte zu den „TOP 10 Books“ der New York Times.

Das Titelcover ist ihr gewidmet: Lucia Berlin wendet den Lesern ihr Profil zu, lenkt die schwarz umrandeten Augen auf ein uns verborgenes Ziel. Das Vorwort erzählt von Berlins eigener Biografie, die immer wieder ihre fiktiven Geschichten durchdringt. Bei einer solchen Vita scheint der Weg in die Schriftstellerei logisch, nahezu unumgänglich. Lucia Berlin hat so viel erlebt, als wäre sie eine Katze und hätte neun Leben verbraucht. Als Tochter eines Bergbauingenieurs führt sie eine privilegierte, aber entwurzelte Kindheit. Ständige Umzüge von Alaska über Montana bis Mexiko und Chile, eine alkoholkranke Mutter, der Großvater, der sie sexuell missbraucht, zudem das schmerzhafte Korsett, das sie wegen einer Skoliose tragen muss. Später drei gescheiterte Ehen, vier Söhne, die sie alleine großzieht, der Kampf gegen die eigene Alkoholabhängigkeit, verschiedenste Berufe von der Reinigungsfachkraft bis zur Lehrerin.

Drei herausragende Merkmale kennzeichnen Berlins Prosa. Erstens: ihre Vielseitigkeit. Durch ihre eigene Vita kann Berlin, eine Getriebene der Zeit, über alle Gesellschaftsschichten und Milieus schreiben. Sie versteht es, die Nöte junger Frauen in einer mexikanischen Abtreibungsklinik ebenso mitreißend zu formulieren wie die Ängste eines neunjährigen Mädchens, das in einer katholischen Privatschule von ihren Mitschülerinnen gehänselt wird und Nonne werden möchte.

Zweitens: ihr Humor. Obwohl ihre Geschichten oft von Trauma und Verlust handeln, von Menschen, die in tristen Verhältnissen gefangen sind, platzt ein bemerkenswerter Humor zwischen den Zeilen hervor. Da wäre die alkoholkranke Mutter, welche ihren Abschiedsbrief kurz vor dem gescheiterten Suizid mit „Bloody Mary“ unterzeichnet. Oder eine Krankenschwester, die Jockeys faszinierend findet, weil ihre zusammengeflickten Skelette unter dem Röntgengerät aussehen wie Bäume. Einfach köstlich liest sich die Story „Handbuch für Putzfrauen“, in welcher die Ich-Erzählerin Ratschläge für Berufsgenossinnen verteilt. „Grundsätzlich nie für Freunde arbeiten. Früher oder später nehmen sie es dir übel, dass du so viel über sie weißt. Oder weil du so viel über sie weißt, kannst du sie nicht mehr leiden.“

Drittens: ihre Zeitlosigkeit. Die Geschichten spielen zwischen 1940 und 1980, wirken aber so aktuell, als wären sie gerade eben erst zu Papier gebracht worden. Warum die Autorin zu Lebzeiten nur einem kleinen, eingefleischten Liebhaberpublikum bekannt war und erst jetzt internationale Anerkennung findet, erklärt sich vielleicht daraus, dass Lucia Berlin dorthin schaut, wo es wehtut. Sie hat ein Auge für die Details, für die unausgesprochenen Ungerechtigkeiten und Widersprüche des Lebens. Vielen Themen wie Rassendiskriminierung wollen sich ihre Landsleute bis heute nicht stellen.

Wunderschön liest sich die letzte Geschichte „Nach Hause finden“. Hier denkt die gealterte Protagonistin über ihr bisheriges Leben nach. Auslöser ist ein von zahlreichen Krähen bevölkerter Ahornbaum, den sie erst Monate nach dem Einzug in ihr neues Zuhause bemerkt. Sie fragt sich, was sie sonst noch verpasst, nicht gesehen, gehört oder gefühlt hat. Es folgt die berühmte „Was wäre gewesen, wenn“-Frage und die Überzeugung: So oder so wäre sie genau an diesem Punkt in ihrem Leben angelangt. Fast schon beiläufig lässt Berlin eine Pointe einfließen, die das Gelesene in neuem Licht erscheinen lässt. Die Autorin, die über den Dingen schwebt, zieht ihren Lesern häufig den Boden unter den Füßen weg.

Lucia Berlin ist eine der literarischen Wiederentdeckungen des Jahres. Geschichten, mitten aus dem Leben gegriffen, unsentimental und doch extrem ergreifend, gewitzt bis schwarzhumorig, unvorhersehbar und wendungsreich. Wer sich die Autorin und diese 30 Stories entgehen lässt, hat definitiv etwas verpasst!

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe.
dtv, August 2017.
384 Seiten, Taschenbuch, 12,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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