Lucas Vogelsang & Joachim Król: Was wollen die denn hier?: Deutsche Grenzerfahrungen

Ich kann mir nicht helfen, aber so langsam komme ich auch zu der Überzeugung, dass es vor 30 Jahren nichts anderes war als eine Art feindliche Übernahme, oder auch eine Annektion der DDR. Heute im Rückblick bleibt mir fast die Spucke weg, wenn ich darüber nachdenke, wir wenig ich selbst darüber nachgedacht habe, was das alles für die Menschen dort bedeutete. Mir war „Dunkeldeutschland“ eigentlich immer relativ egal, auch die Maueröffnung habe ich, soweit ich mich noch erinnere, relativ emotionslos erlebt. Am 9. November 1989 saß ich in einem Konzert von (ausgerechnet) Franz Josef Degenhardt, der, wie wir alle wissen, sicherlich sprachlos ob der Entwicklung in „seiner“ DDR war und trotzdem eisern seine Nummern spielte und sich wahrscheinlich abends mit Valpolicella zugedröhnt hat. In der Nachwendezeit hatte ich jahrzehntelang Mühe, die „neuen Bundesländer“ aufzählen zu können und erst heute kann ich sie fehlerfrei geographisch zuordnen. Ebenso die Städte, deren Lage ich aber schlimmer Weise nahezu ausschließlich über die Neonazi – und Pegida Beklopptheiten zu finden lernte. Warum diese lange Einleitung? Es geht doch um dieses wunderbare Buch „Was wollen die denn hier?“ Diese, sagen wir Reportage, glänzt schon allein durch seine Produktion: der eine ein Schauspieler, der sich einen Wunsch erfüllt, der andere der leise, lyrisch Beobachtende der jeweiligen Szenerie. Und die führt uns über das Ruhrgebiet bis an die Ostsee. Thema ist die Begegnung mit Menschen, die allesamt in der DDR aufgewachsen sind, aber die den Mauerfall und ihre Zeit davor und danach aus unterschiedlichen Perspektiven bewerten.

Ich will hier gar nicht in die Einzelheiten gehen aber so viel sei gesagt: Lucas Vogelsangs Sprache ist großartig, die Beschreibungen und die Bilder wirken durch dieses literarische Können wie neu formatiert. So hat man eine Gleichzeitigkeit: Freude an der Sprache und an Erkenntnisgewinn. Joachim bleibt der Schauspieler, dem man alles glaubt. Auch wenn er für irgendeinen Film eine Rolle lernen muss: er ist es ganz und gar. Und er hat seine Wurzeln im Ruhrgebiet und seine Erfahrungen durch viele Berlinreisen in den Siebzigern und Achtzigern, von denen wir immer leicht verstört zurück kamen. Wir treffen auf Sachen, die du fast nicht glauben kannst, wie die der beidseitigen Braunkohleförderung durch ständiges Versetzen der Grenze. Wir hören Fluchtgeschichten und Lebensdramen, Lustiges und menschlich tragisches, und Król sitzt da, stellt Fragen, denkt nach, vergleicht und verarbeitet. Auch einem seiner größten Filmerfolge fährt er hinterher. „Wir können auch anders“ aus dem Jahre 1993, gedreht von Detlev Buck und mit seinem genialen Co- Darsteller Horst Krause. Auch ihn treffen wir mit seiner Geschichte ebenso wie Andreas Thom, den ersten DDR Fußballer der einen Vertrag in der Bundesliga bekam. Wir enden in Boltenhagen an der Ostsee (Zufall – da habe ich grad letzten November ein Konzert gehabt) dort, wo auch der Film mit Krause und Król endet. Der Film zur deutschen Einheit. Aber die gibt es immer noch nicht. Auch eine der Konsequenzen aus dem Buch. Wer in der DDR etwas engstirnig unterwegs war, der ist auch nach der Wende nicht zur hellsten Kerze auf der Torte geworden. Eher ist es so, dass mal eine Psychopathologie über die Menschen vor der Wende in der DDR geschrieben werden sollte. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass, wenn man sein Leben sein Leben lang vorgeschrieben bekommt, mit der angeblichen Freiheit gar nichts anfangen kann. Und erst mal anfängt, sich gegen die da oben zu wehren. Quasi gucken, wie weit das gehen kann. Und jetzt haben sie den Salat. Schönes Buch – Prädikat: Besonders wertvoll!

Lucas Vogelsang & Joachim Król: Was wollen die denn hier?: Deutsche Grenzerfahrungen.
Rowohlt, Mai 2019.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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