Luca Ventura: Mitten im August

Capri – Sehnsuchtsinsel, Postkartenidylle, Hot Spot der Stars und Sternchen – bildet die Kulisse für diesen Kriminalroman. Normalerweise hat Polizist Enrico Rizzi auf der idyllischen Insel mit ihren 15.000 Einwohnern nicht viel zu tun. Neben der Bearbeitung von kleineren Bagatelldelikten bleibt genügend Zeit, seinem Vater beim Obst- und Weinanbau zur Hand zu gehen und sich nebenbei um seine neue Freundin Gina und deren Tochter zu kümmern. Doch damit ist plötzlich Schluss. Die Leiche eines jungen Studenten der Meeresbiologie wird in einem Boot vor den Felsen von Punta Carena aufgefunden. Von seiner Freundin Sofia Polito fehlt jegliche Spur. Ist sie ebenfalls tot – oder ist sie gar für Jacks Tod verantwortlich? Für die Einwohner ist dieser Mordfall ein Schock, für das touristische Image der Insel nicht gerade förderlich. Der Fall muss schnell aufgeklärt werden! Doch der gemächliche Polizeiapparat auf Capri und kleine Machtspielchen mit der Hauptdirektion in Neapel erschweren die Ermittlungsarbeit. Schließlich zieht Rizzi nicht immer ganz vorschriftskonform auf eigene Faust los…

Geschrieben ist der Roman aus zwei Perspektiven. Zum einen aus Sicht des Polizisten Rizzi, zum anderen aus Sicht der jungen Sofia Polito, der Freundin des Mordopfers Jack Milani. Jack ist der Spross einer wohlhabenden norditalienischen Familie, die ihren Reichtum mit Düngemittel verdient. Doch der aufsässige Umweltschützer Jack hat mit seiner Familie gebrochen. Beim Studium der Meeresbiologie in Genua lernte er Sofia kennen, gemeinsam sind sie für ein Praktikum bei dem charismatischen Professor Taccone auf die Insel Capri gezogen. Denn vor der Küste der Nachbarinsel Ischia versauert der Ozean aufgrund natürlicher Vulkanaktivität. Hier lässt sich ideal erforschen, was den Ozeanen weltweit bevorstehen könnte, falls die Versauerung der Meere aufgrund des Klimawandels weiterhin zunimmt. Doch auf Capri fangen die Probleme an. Die ehrgeizige Sofia und der flatterhafte Jack geraten immer häufiger aneinander. Stück für Stück schreibt Sofia in einem Tagebuch nieder, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. All dies erfährt der Leser in wechselnden Kapiteln zur eigentlichen Polizeiarbeit. Es darf also eifrig mitgerätselt werden.

Der unter Pseudonym schreibende Autor, der die meiste Zeit des Jahres auf Capri lebt, versteht es gekonnt, italienisches Lokalkolorit in seinen Plot einzubauen. Dazu gehört das Nord-Süd-Gefälle des Landes, welches sich in Spannungen zwischen Rizzi und seiner Kollegin Antonio Cirillo bemerkbar macht. Während die aus der Nähe von Mailand stammende Antonia von Rizzi oft als überheblich und unterkühlt empfunden wird, ärgert sich Antonia über die patriarchalisch geprägten Strukturen des Südens. Obwohl sie mit Mitte Vierzig zehn Jahre älter ist als ihr Kollege und mehr Erfahrung hat, gibt automatisch Rizzi den Ton an. So müssen die beiden Polizisten im Laufe der Ermittlungen gegenseitige Vorbehalte überwinden, um ans Ziel zu gelangen. Daneben inszeniert der Autor das „dolce far niente“ augenzwinkernd in der Handlung. Ausgebrannte Ermittler, die sich ganze Nächte mit Polizeiarbeit um die Ohren hauen, sucht man hier vergebens. Der starke Zusammenschluss der Insulaner und das herzliche, italienische Socialising kommen immer wieder in köstlichen Anekdoten zum Vorschein. Beispiel: Ein junger, unerfahrener Polizist soll das Ferienhaus des Opfers über Nacht bewachen, bis alle Spuren sichergestellt sind. Als er „mal eben austreten muss“ tut er dies nicht etwa in den Büschen des Grundstücks, sondern in einer angrenzenden Bar, wo er sich „kurz einen Espresso genehmigt“. Folge: Wichtige Beweise wurden in der Zwischenzeit entwendet.

Dass der Süden Italiens ebenfalls im Wandel ist, skizziert Ventura anhand seiner weiblichen Nebenfiguren. Rizzis Freundin Gina ist gerade aus der konventionell geprägten Ehe mit einem typischen eifersüchtigen Macho geflüchtet. Rizzis Schwester hingegen ist Staatsanwältin, steht damit gesellschaftlich über ihm und lebt zudem eine offene lesbische Beziehung. Alte und neue Konzepte werden an diesen Frauencharakteren einander gegenübergestellt. Nebenbei sensibilisiert der Autor für das spannende Thema „Klimawandel und Versauerung der Weltmeere“. Damit trifft er genau den Zeitgeist.

Fazit: Wer Italien liebt, wird auch diesen Kriminalroman lieben. Die Figuren wachsen uns Lesern sofort ans Herz. Ein perfekter Krimi mit leiser politischer Botschaft und jeder Menge Gute-Laune-Garantie für den Urlaub im heimischen Liegestuhl.

 

Luca Ventura: Mitten im August.
Diogenes, März 2020.
336 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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