London Shah: Water Rising 01: Flucht in die Tiefe

London 2099 liegt komplett unter Wasser. Aber nicht der Klimawandel ist diesmal schuld daran, sondern ein Kometeneinschlag vor 65 Jahren. Die Menschen haben sich arrangiert, ein Leben an der Oberfläche gibt es nicht mehr. Leyla ist erst 16 und doch schon fast allein, denn ihr Vater wurde vor 3 Monaten verhaftet, Grund unbekannt bis vorgeschoben. Trotzdem glaubt Leyla, was ihr über die Gefahren der Tiefe – ist schon ein wenig crazy, dass eine Unterwasserzivilisation sich ausgerechnet vor Gefahren aus den tieferen Wassern fürchtet – und über Ungeheuer und die schrecklichen Anthropoiden von der Regierung erzählt wird. Anthropoiden sind Menschen, die unter Wasser atmen können und auch sonst besser an das neue Leben angepasst sind. Leyla schlägt sich als U-Boot-Fahrlehrerin mehr schlecht als recht durch und erst als sie ein großes Rennen gewinnt, ändert sich daran etwas. Gemeinsam mit dem geheimnisvollen Ari bricht sie auf, um sich endlich nicht mehr auf Anwälte und Auskünfte zu verlassen, sondern ihren Vater selbst zu suchen – und um jede Menge Erkenntnisse zu gewinnen.

Water Rising hat gute und schlechte Seiten. Auf der Plusseite würde ich den Wiedererkennungswert der Unterwasserwelt verbuchen. Es macht immer wieder Spaß, alte Sehenswürdigkeiten mit neuen Augen sehen zu können. Als ganz großes Plus habe ich empfunden, dass sich die Autorin mit Hilfe der Anthropoiden sehr genau mit Vorurteilen, Vorverurteilungen und dem Anderssein allgemein auseinandersetzt. Weniger positiv kommt dabei allerdings die – vermutlich von Verlagsseite initiierte- ständige Betonung der Autorin als Muslimin an. Weil das nämlich genau gar nichts über ihre Qualität als Autorin aussagt. Mich stört dabei natürlich nicht, dass sie Muslimin ist, sondern nur, dass es bei jeder Buchwerbung riesengroß in den Vordergrund geschoben steht. Das impliziert immer wieder, sich bei dem Verhältnis Menschen/Anthropoiden an dem Verhältnis Christen/Muslime zu orientieren und das ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen. Beide Verhältnisse haben ihre eigenen Ursprünge und Geschichten und sind nur begrenzt vergleichbar. Beim Thema „Ausgrenzung“ klappt ein Vergleich noch, beim Thema „Angst vor dem Fremden und die Gründe“ schon nicht mehr. Die Autorin hat beide Themen nachvollziehbar ausgearbeitet und daraus eine tolle Geschichte gemacht, woran sie glaubt, spielt dabei wirklich keine Rolle. Gute, glaubhafte Analogien sind meistens die, die der Leser selber ziehen muss und diese Möglichkeit wird durch die Vorgabe dem Leser und der Autorin eingeschränkt. Theoretisch würde die Analogie nämlich auch mit jeder anderen ausgrenzenden/auszugrenzenden Gruppe funktionieren und vermutlich hat die Autorin genau das beabsichtigt. Klappt aber nicht so gut, wenn man als Leser vorkonditioniert wird.

Als weiteres Manko habe ich die sehr frühe Liebesgeschichte der beiden Protagonisten empfunden und schlimmer noch, dass es von ihrem ersten Treffen an daraus hinauslief. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und doch ist sehr schnell klar, dass aus den beiden einfach was werden muss. Das ist für mich zu vorhersehbar und wenn in Band 2 da nicht noch eine grosse Überraschung ansteht auch zu unspannend. Ja, sie hatten Differenzen, ja sie hasst ihn, er hasst sie, aber tortzdem weiß man, wie es ausgeht. Schade drum, die beiden hätten sich noch eine Weile länger und überzeugender umtänzeln können.

Fazit: Sehr gutes Setting mit der Unterwasserwelt, sehr gute Ideen und ein ganz gemeiner Cliffhanger am Ende.

London Shah: Water Rising 01: Flucht in die Tiefe.
Aus dem Englischen übersetzt von Eva Jaeschke.
Loewe, Januar 2021.
464 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.

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