Lizzie Doron: Das Schweigen meiner Mutter

mutter„Leben ohne eine Biographie ist wie ein Leben ohne ein Bein, ohne ein Auge, ohne eine Niere.“

Schon als Kind versucht Alisa ihrer allein erziehenden Mutter das Geheimnis um ihren Vater, den sie nie kennengelernt hat, in sich ständig wiederholenden Streitgesprächen abzutrotzen. Doch die Mutter schweigt hartnäckig. Jahrzehnte später trifft die inzwischen Schriftstellerin gewordene Alisa auf einer Beerdigung eine Freundin aus Kindertagen wieder. Die Begegnung versetzt Alisa in ihre Kindheit zurück und die Erinnerungen an die Jahre in dem Viertel von Tel Aviv, in dem sie aufgewachsen ist und dem sie als junge Frau den Rücken gekehrt hat, lassen sie nicht wieder los. Sie begibt sich als Frau mit erwachsenen Kindern erneut auf Spurensuche nach ihrem unbekannten Vater und kommt einem unfassbaren Geheimnis um ihre Herkunft auf die Spur.

Lizzie Doron wurde 1953 in Tel Aviv geboren. Nach dem Studium der Linguistik lehrte sie zunächst einige Jahre an einer Universität, bevor sie Schriftstellerin wurde. Das Thema ihrer preisgekrönten Romane sind die Überlebenden des Holocaust und ihre geradezu verzweifelten Bemühungen, sich in Israel eine neue Existenz aufzubauen. Auch in ihrem neuen, stark autobiographischen Roman beschreibt die Autorin die Generation, die von „dort“ kommt, die die Lager überlebt hat und nun in Israel zu überleben versucht. Auch Lizzie Doron ist die Tochter einer Überlebenden.

Mit Behutsamkeit und großem Respekt vor ihren Figuren schildert die Autorin die zum Teil geradezu bizarren Existenzen dieser Überlebenden. So erfährt die Heldin Alisa von einer Kindheitsfreundin, dass deren Mutter sich oft tagelang im Nachthemd und mit ihrem Bettzeug im Badezimmer verbarrikadierte, weil die Erinnerungen an die erlebten Gräuel für sie anders nicht zu ertragen waren. Die Tochter verschaffte sich Zugang zu Toiletten und Badezimmern der Nachbarn, indem sie behauptete, bei sich zu Hause sei die Toilette verstopft oder die Dusche kaputt.

Die Mutter einer anderen Freundin aus dem Viertel lebte mit zwei Männern zusammen und ertrug viele Jahre lang ungerührt den Klatsch der Nachbarn. Alisa erfährt erst jetzt, als erwachsene Frau, dass die beiden Männer Brüder sind und die Mutter vor dem zweiten Weltkrieg in Polen mit dem einen Bruder verheiratet war. Das Kind der beiden wurde getötet und der Ehemann verschwand. Die Mutter konnte sich mit dem anderen Bruder nach Israel retten, wo sie ihren Schwager heiratete und eine Tochter mit ihm bekam. Der totgeglaubte Ehemann tauchte Jahre nach Kriegsende in Tel Aviv auf und wurde von seiner Frau und seinem Bruder aufgenommen. Seitdem kümmern sich seine ehemalige Frau und sein Bruder Tag und Nacht um ihn und verhindern seit Jahren seine Selbstmordversuche.

Fremd, schweigend und seelisch verkrüppelt versucht die Generation der Eltern einen Sinn in ihrer Existenz und trotz allem Leid, das ihr widerfahren ist, einen Schimmer von Hoffnung in ihrem Leben zu finden. Über das erlebte Grauen können sie nicht reden. Sie finden keine Worte für das Leid, das sie durchmachen mussten.

Unaufgeregt und leise, ohne jedes Pathos und mit behutsamer Distanz schildert Lizzie Doron die Schicksale dieser Elterngeneration. Das gelingt ihr so meisterhaft wie berührend. Ein wunderbares Buch, das gleichzeitigt zornig macht und Trost spendet.
Für mich die Entdeckung des Jahres.

Lizzie Doron: Das Schweigen meiner Mutter.
dtv, Oktober 2011.
220 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martina Sprenger.

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