Lily King: Euphoria

„Einer von den Mumbanyo warf ihnen noch etwas nach, als sie ablegten. Ewas Bräunliches … ‚Nur wieder ein toter Säugling‘, sagte Fen.“
Seit Kafkas „Die Verwandlung“ hat es wohl kein „erster Satz“ mehr fertiggebracht, so unmittelbar zu fesseln! Gleichfalls schockiert wie fasziniert, wird der Leser in eine sinnlich-verstörende Szenerie hineingezogen.
Lily King entführt in den Dschungel von Neuguinea, wo das Anthropologen-Ehepaar Nell und Fen Anfang der 30er Jahren auf Stämme trifft, die – von der Zivilisation weitestgehend unberührt –außergewöhnliche Bräuche pflegen. Dabei lernen sie einen Andrew Bankson kennen, einen weiteren Forscher. Der Beginn eines produktiven Gedankenaustausches, pendelnd zwischen Kooperation und Konkurrenz, der schließlich in einer tragischen Dreiecksbeziehung mündet.

Handlung: Ausgemergelt, von der Malaria und dem Leben in der Wildnis gezeichnet, wollen die Anthropologen Nell und Fan weiter nach Australien ziehen, um dort die Aborigines zu erforschen. Bis sie auf den Forscher Andrew Bankson treffen, der mit Depressionen und Einsamkeit zu kämpfen hat. Nell und Andrew finden sofort einen Draht zueinander. Beide Männer könnten unterschiedlicher nicht sein. Fen kann es nicht verkraften, dass seine Frau ihn in punkto Karriere überholt und bereits ein erfolgreiches Buch veröffentlicht hat. Stets geht er auf Konfrontation zu ihr, versucht ihre Ergebnisse in Frage zu stellen. Mit dem sensiblen Andrew verbindet Nell eine Seelen- und Geistesverwandtschaft, bei der bald Gefühle ins Spiel kommen. Andrew will die Abreise der Eheleute verhindern und verweist sie an einen anderen Stamm, die Tam.

Hier gewinnt Nell schnell Zugang zu den Menschen und entdeckt Erstaunliches. Scheinbar haben bei den Tam die Frauen das Sagen. Sie betreiben eigenständig Handel, entscheiden selbst, wen sie heiraten. Und sie pflegen überaus selbstbewusste sexuelle Rituale, wie die Forscherin erst sehr spät und mit ungeahnten Konsequenzen herausfindet. Während Fen davon besessen ist, ein wichtiges Artefakt zu finden, entwerfen Nell und Andrew ein Schema, anhand dessen sie unterschiedliche Charaktere und Völker einzuordnen versuchen. Kurz vor einer wichtigen Entdeckung stehend, werden sie von Euphorie gepackt, die sich auf alle Bereiche ihres Lebens auswirkt. Natürlich wundert es bei einem solchen Einstieg nicht, dass ihr Glück nur von kurzer Dauer ist.

Lily King schafft ein Meisterwerk, das unterhält, spiegelt, Fragen aufwirft und die großen Polaritäten des Lebens abhandelt. Männer versus Frauen, Macht versus Unterwerfung, Habgier versus Harmonie. In lange nachwirkenden Szenen entlarvt sie das Konstrukt der „überlegenen Zivilisation“. An den Ufern des Sepikflusses mag die Gewalt augenscheinlich sein: Zwillinge werden nach der Geburt getötet, weil sie als Beweis für die Untreue der Frau angesehen werden. Die Initiationsschnittwunden junger Männer werden mit Kurkuma und Zitronensäure beträufelt, damit sich möglichst dicke Narbenstränge zu Mustern verbinden. Doch das dunkle Herz der westlichen Gesellschaft steht dem in nichts nach: Intrigen, Mobbing, Gewalt in der Ehe… sie finden hinter vorgehaltener Hand statt. Bis sich im Ersten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus – beide drücken der Forschungsarbeit einen weiteren tragischen Stempel auf – die Gewalt offenkundig entlädt.

Als Grundlage des Romans dient der Autorin die Ethnologin Margaret Mead, welche in den 30er Jahren Papua-Neuguinea erforschte und eine skandalöse Dreiecksbeziehung pflegte.

Fazit: Euphoria ist ein literarisches Freudenfest! Zurecht gefeiert, zurecht ausgezeichnet. Die Taschenbuchausgabe sollte in keinem Urlaubskoffer fehlen.

Lily King: Euphoria.
dtv, Juli 2017.
272 Seiten, Taschenbuch, 10,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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