Lilly Bernstein: Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück

Anfang der 1930er Jahre bricht Marie mit einem neugeborenen Kind im Arm vor einer Kölner Bäckerei zusammen. Es ist für sie der Anfang eines neuen Lebens, denn die jüdische Familie Kohn, der das Haus gehört, nimmt sie mit dem Baby Anna auf, gibt den beiden Obdach, Essen und Arbeit. Und dann ist da noch Matthias, der Bäcker, der Marie vor der Tür gefunden hat. Langsam kommen sich die beiden näher, heiraten und ziehen – als Tante Marie und Onkel Matthias – Anna wie ihr eigenes Kind auf.

Anna ist ein kluges Kind, vor allem Rechnen kann sie gut. Matthias führt sie nach und nach in die Geheimnisse der Backstube ein und lässt ihr immer wieder Leckerbissen zukommen. Die kleine Familie führt ein zwar arbeitsames, aber harmonisches Leben. Doch 1941 ist es damit vorbei. Der Krieg lässt sich nicht mehr verleugnen und plötzlich ist die Familie Kohn verschwunden. Anna ist verzweifelt, weil sie nicht weiß, was mit ihrer Freundin Ruth passiert ist. Dann wird auch noch Matthias eingezogen und muss an die Front.

Zunehmend wird der Alltag mühsamer für Marie und Anna, manchmal fast unerträglich. Sie bekommen zwar Hilfe in der Bäckerei, aber der Bäckerobermeister Bell scheint es auf sie abgesehen zu haben und es fallen immer mehr Bomben auf Köln. Der Kampf ums Überleben beginnt. Anna und Marie sind mehr als einmal am Ende ihrer Kräfte.

Es ist beeindruckend, wie Lilly Bernstein die Kriegs- und Nachkriegszeit vor den Leserinnen und Lesern auferstehen lässt. Ich habe gemeint, die Eiseskälte zu spüren, das Krachen der Geschosse zu hören und mit den Protagonistinnen über die Trümmer zu steigen. Die Atmosphäre ist greifbar und bedrückend. Wenn ich lese, wie Kinder und Jugendliche auf sich alleingestellt in Ruinen wohnen, wie sie für sich und ihre Gefährten sorgen und ihnen dabei fast alle Mittel recht sind, wird mir wieder einmal bewusst, wie gut es uns hier in Mitteleuropa heutzutage geht. Denn in anderen Teilen der Welt, sieht es jetzt genauso aus, wie bei uns vor 75 Jahren.

Die sinnlichen Wahrnehmungen in der Backstube beschreibt Lilly Bernstein (hinter deren Pseudonym die Journalistin Lioba Werrelmann steckt) ganz hinreißend – den Duft von frischem Brot, den Geschmack von geschmolzener Schokolade, die Wärme, die Geborgenheit. In ihrem ganzen Ausdruck wird deutlich, dass das Schreiben dieses Buches für die Autorin, die aus einer Bäckersfamilie stammt, eine Herzensangelegenheit war.

Marie und Anna sträuben sich lange dagegen, etwas Unrechtes zu tun, auch wenn es bedeutet zu hungern. Lilly Bernstein gibt ihnen facettenreiche, zwiespältige Gefühle, die sie zu eindrücklichen Figuren machen. Die beiden kämpfen mit ihren Werten und Einstellungen und manchmal fordert ihnen die Realität harte Entscheidungen ab.

Lilly Bernstein hat mit „Trümmermädchen“ eine mitreißende, spannende und emotionale Geschichte geschrieben, die auch vom Erwachsenwerden und vom Übernehmen von Verantwortung handelt. Für mich ist eine ihrer Botschaften, dass es auf jede*n Einzelne*n ankommt. Jede*r kann selbst etwas dafür tun, die Welt ein Stück besser zu machen und Träume zu verwirklichen, aber gleichzeitig braucht auch jede*r den Rückhalt und die Unterstützung anderer Menschen. Klare Empfehlung für alle, die historische Romane rund um starke Frauen mögen.

Lilly Bernstein: Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück.
Ullstein, November 2020.
512 Seiten, Taschenbuch, 10,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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