Lieneke Dijkzeul: Vor dem Regen kommt der Tod

todDie rothaarige Polizistin Renée wird an ihrer Wohnungstür von einem maskierten Mann überfallen, in ihre Wohnung gezerrt und brutal niedergestochen. Sie überlebt schwer verletzt und teilweise skalpiert, weil der Täter sie für tot hält. Ihr Vorgesetzter Paul Vegter glaubt zunächst an einen Racheakt und sucht in Renées aktuellen Fällen und in ihrem Privatleben nach Motiv und Täter. Ein Kollege glaubt in der Schnittwunde auf Renées Bauch die römische Ziffer I zu erkennen. Als nur einige Tage später eine rothaarige Studentin erstochen und skalpiert aufgefunden wird, eine römische II in die Bauchdecke geschnitten, reagiert Vegter erleichtert, da es sich nicht um einen persönlichen Angriff gegen Renée gehandelt haben kann. Andererseits haben er und seine Kollegen es nun mit einem offensichtlich psychisch gestörten Täter zu tun, der offenbar noch weitere Übergriffe auf rothaarige Frauen plant.

Ebenfalls rothaarig ist die wohlhabende Galeristin Vivienne. Die gebehinderte Frau ist mit dem mehrere Jahre jüngeren John Verbruggen verheiratet, der zusammen mit seinem Partner Pieter Vervaeke die Firma V&V Promotions betreibt. Zunächst interessiert sich Vivienne nur für die beiden Fälle, weil die Opfer wie sie selbst rothaarig sind. Doch als sie ihren Mann verdächtigt, sie zu betrügen und ihn zu beschatten beginnt, beschleicht sie bald ein fürchterlicher Verdacht.

Freunde von blutigen Thrillern mit gehäuften Schockeffekten werden von Lieneke Dijkzeuls Roman wahrscheinlich enttäuscht sein, auch weil die Identität des Killers schon früh gelüftet wird. Dieser Thriller bezieht seine Spannung nicht aus expliziten Schilderungen von Gewaltakten, sondern aus der sorgfältigen Charakterzeichnung seiner Protagonisten und dem Geflecht aus Beziehungen, in das sie sich verstricken. In zwischen Täter, Opfern und Ermittler wechselnden Perspektiven dringt der Leser tief in die Psyche der Hauptfiguren ein.

Die Polzistin Renée wird durch den Überfall brutal mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Sie verliert das Vertrauen in ihre eigenen Kräfte und fühlt sich verletzlich und „versehrt“. Sie traut sich nicht, in ihrer Wohnung zu bleiben und kann kaum mehr schlafen, weil sie fürchtet, der Täter könne zurückkehren und sein Werk an ihr „vollenden“. Ihr Vorgesetzter Paul Vegter fühlt sich zu ihr hingezogen und bietet ihr an, in seiner Wohnung unterzukommen. Er genießt die Nähe zu ihr, kann aber auch zwei Jahre nach dem Unfalltod seiner Frau noch keine neue Beziehung zu einer anderen eingehen.

Die Galeristin Vivienne wird durch die Überfälle aus ihrem wohleingerichteten und beschaulichen Leben mit dem Mann gerissen, den sie mit beinahe hündischer Ergebenheit liebt. Die unsichere, wegen ihrer Gehbehinderung gehemmte Frau muss sich ihren eigenen Ängsten stellen und lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Der Täter dagegen ist in seinem Doppelleben gefangen und kann seine Fassade vor der Umwelt kaum noch aufrechterhalten. Mehr und mehr verliert er die Kontrolle über sich selbst und sein Leben.

Wie ein Strudel zieht der für den bedeutendsten niederländischen Krimipreis, den „Gouden strop“, nominierte Thriller Dijkzeuls den Leser mit, immer enger spannt die Autorin das Netz von Gefühlen, Ängsten und Verdächtigungen um ihre Protagonisten, bis es zum schrecklichen, aber unausweichlichen Finale kommt.

Ein Thriller der Spitzenklasse, abseits von gängigen Serienkillerklischees. Absolut lesenswert.

Lieneke Dijkzeul: Vor dem Regen kommt der Tod.
dtv, September 2011.
336 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martina Sprenger.

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