Lida Winiewicz: Späte Gegend. Protokoll eines Lebens.

Lida Winiewicz schreibt am Klappentext ihres Buches: „Ich hatte einmal ein Haus im Mühlviertel. Meist stand es leer. Die Bäuerin von nebenan, die einen Schlüssel verwahrte, gestand eines Tages, schuldbewußt, sie säße oft in meiner Stube, wenn niemand da sei, allein, freue sich an der Stille und dächte an die Vergangenheit. Ich fragte nach Einzelheiten, sie antwortete. So entstand das Buch ‚Späte Gegend‘, eine Art Reisebericht aus einem fernen Land, zwei Autostunden von Wien.“

Christine, die oben genannte Bäuerin, wird 1910 geboren. Die Armut in der Familie ist beispiellos. Der Vater und die Brüder sind Steinmetze, sie fertigen Grabsteine, ohne Schutzbekleidung, die Mutter arbeitet beinahe rund um die Uhr, damit man über die Runden kommt. Dennoch haben die sechs Kinder z.B. keine Schuhe. Sie laufen barfuß und im Winter in Holzpantinen.

Im Alter von zehn Jahren muss Christine die geliebte Schule verlassen und „in Dienst“ gehen, damit zuhause ein Esser weniger am Tisch sitzt. Bei ihren ersten Dienstherren bekommt sie keinen Lohn, nur Kost und Logis sowie zwei Hemden und zwei Schürzen im Jahr. Das Bett teilt sie sich – was für ein Fortschritt – nur mit einer anderen Magd und nicht, wie daheim, mit zwei Geschwistern.

Das kümmerliche Dienstbotenleben scheint vorgezeichnet. Die Arbeitgeber sind oftmals schlechte Menschen und Christine erlebt Hunger und Unterernährung. Sie hat keinerlei Unterstützung von den Eltern. Der Vater ist inzwischen unverschuldet arbeitslos und sie muss ganz für sich alleine zusehen, dass sie durchkommt.

Fleißig, hart arbeitend und lauteren Herzes geht sie ihren Weg. Im Bauernsohn Seppl findet sie ihre große Liebe. Durch die Heirat mit ihm erfährt Christine einen sozialen Aufstieg. Aber auch hier liegen viele Steine im Weg, bis sie den Hof übernehmen und ihn nach ihren Vorstellungen bewirtschaften können.

Der Zweite Weltkrieg verlangt ihr und ihrer Familie vieles ab. Es gibt einige sehr brenzlige Situationen zu meistern. Situationen, die auch anders ausgehen hätten können.

„(…) ich hab die Dinge genommen, wie sie gekommen sind, ohne zu wünschen: So oder so sollen sie ausgehen, das oder das hätt´ ich gern, ich hab bald begriffen, dass Wünschen nicht sehr viel bringt, meistens gar nichts, also hab ich´s gleich gelassen.“  (S. 131)

Die Biografie dieser „einfachen Frau“ liest man gebannt und atemlos. Es ist unglaublich, wie sich die Lebensumstände der Menschen in den letzten hundert Jahren verändert haben. Mit Fug und Recht kann Lida Winiewicz behaupten, es handle sich um einen Reisebericht aus einem fernen Land, zwei Autostunden von Wien. Richtung Westen, wohlgemerkt.

Man muss Christine für ihren Mut, ihren Optimismus und immer wieder auch für ihren trockenen Humor bewundern.

Als ihr Mann im Krieg ist, muss sie den Hof alleine bewirtschaften, unterstützt von ukrainischen Kriegsgefangenen, zu denen sich bald ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Das Mühlviertel wird 1945 von den Russen besetzt.

Später, wie die Russen da waren, hat mir dieser Ukrainer – Branko hat er geheißen – das Leben gerettet. Nein, ‚das Leben‘ ist nicht richtig, wenn man dran gestorben wär´, wären viele Frauen gestorben, aber ohne den Branko wär´ ich damals vergewaltigt worden und das hätt´ mich nicht gefreut.“ (S. 125)

Durch die bewusst einfache, an den Dialekt und seine Grammatik angelehnte Sprache sieht man das Leben der Bäuerin Christine in eindringlichen Bildern vorbeiziehen. „Späte Gegend“ ist erstmals 1986 bei Paul Zsolnay erschienen und wurde jetzt bei Braumüller wieder aufgelegt. Ich kann die Lektüre dieses Buches sehr empfehlen. Wenn man es aus der Hand legt, ist man froh, im 21. Jahrhundert leben zu dürfen und man sieht die Unbilden der gegenwärtigen Zeit mit anderen Augen.

Lida Winiewicz: Späte Gegend. Protokoll eines Lebens.
Braumüller Verlag, Januar 2020.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Karina Luger.

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