Lena Andersson: Widerrechtliche Inbesitznahme

Das ist ein Buch, das atemlos macht. Einerseits möchte man es an die Wand werfen und andererseits brennt man darauf zu wissen, wie diese Idiotie weiter und zu Ende geht. Lena Andersson schafft es, einen Sog zu entwickeln, der süchtig macht. Süchtig wie in diesem „Fall“ Ester Nielsson ist. Und es ist nahezu ein freier Fall. Mich erinnert diese Darstellung von pathologischer Liebessehnsucht an den Film „Eine verhängnisvolle Affäre“ (vielleicht etwas zu sehr Hollywood mit Mike Douglas und Glenn Close) oder Murakamis „Gefährliche Geliebte“. Alles Beschreibungen, Darstellungen von Obsessionen, die zur Katastrophen führen.

Ester verliebt sich erst in ein Phantom, denn persönlich kennt sie den bekannten Aktions- und Videokünstler Hugo Rask gar nicht, hat aber den Job zu erfüllen, über ihn einen Vortrag zu halten. Die Arbeit daran weckt bei ihr eine Sehnsucht und tatsächlich sitzt der gerührte Künstler während des Vortrags im Publikum. Sie sprechen und sie treffen sich und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Banal ausgedrückt teilt Ester ab nun der Welt mit, sie sei keine Stalkerin, denn sie liebe Hugo Rast ja und alle (von ihr so verstandenen) Zeichen deuten darauf hin, dass er sie auch liebe. Was allerdings nicht stimmt. Er lebt sein Leben weiter und man spürt, je weiter das Buch fortschreitet, die Angst des Mannes vor weiteren Begegnungen.

Ester Nilsson ist selbst eine großartige Essayistin und weiß die Worte wohl zu setzen. Ihre Argumentationsketten sind so logisch wie hilflos. Zu Anfang diskutieren sie auf höchstem Niveau existenzphilosophische Fragen aber im Grunde will sie nur bei ihm sein. Sein fortschreitendes Desinteresse führt zu körperlichen Schmerzen bei Ester; sie versteht nicht, wie der Mensch den sie liebt, das nicht erwidert und sucht blind und süchtig nach kleinsten Anzeichen; sitzt verrückt vor Erwartung nächte- und monatelang am Telefon, was sich nicht rührt und findet immer wieder Argumente für sein Schweigen, nur um sich selbst noch mehr zu belügen. Auch wenn ihr mal ein Hauch der Vernunft um die Nase weht und sie eine kleine Flucht nach Paris wagt, hilft es nicht. Sie geht zu Grunde. Ende offen.

Ein grausames Buch. Sehr gut!

Lena Andersson: Widerrechtliche Inbesitznahme.
btb, Dezember 2016.
224 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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