Leïla Slimani: All das zu verlieren

Wieder geht es, wie im ersten Roman von Leïla Slimani Dann schlaf auch du (für den sie den renommierten Prix Goncourt erhielt) um eine Frau, die ihr wahres Ich verheimlicht. Wieder spielt die Geschichte in Paris und wieder ist die Protagonistin Nordafrikanerin wie die Autorin selbst. Doch der Plot ist diesmal ein gänzlich anderer:

Adèle lebt mit ihrem Mann Richard, einem Arzt und dem kleinen Sohn Lucien im 18. Arrondissement in Paris. Sie selbst arbeitet als Journalistin bei einer Zeitung. Finanziell und gesellschaftlich betrachtet mangelt es ihr an nichts. Doch dieses Leben, von dem andere Frauen träumen, genügt Adèle nicht. Sie empfindet kein Glück, keine Erfüllung. Alles kommt ihr zu klein, zu spießig und inhaltlich leer vor. Geheiratet hat sie letztlich nur, um wie andere Frauen zu sein. Aber sie kann nicht wie andere Frauen sein. Auch den kleinen Lucien empfindet sie eher als eine Last. Während Richard im Krankenhaus oft noch Überstunden ableistet, gibt Adèle ihrer Obsession nach. Ständig sucht sie andere, manchmal ganz fremde Männer auf und sucht ihr Glück in zügellosem Sex. Ziemlich schnell wird deutlich, dass Adèle eine Nymphomanin ist. Ihr ging es nicht um die Körper sondern um die Situation … die laszive Begierde, die animalische Lust (eBook S. 105). Adèle findet nicht die Kraft gegen ihre Sexlust anzukämpfen, wobei Richard durch sein verhaltenes Verlangen vielleicht auch einen kleinen Teil dazu beiträgt. Erstaunlich kühl wechselt sie ihre Rolle sobald sie wieder zu Hause bei ihrem Mann ist. Akribisch verwischt sie alle Spuren. Richard hat keinen Grund einen Verdacht zu schöpfen und vertraut seiner Frau lange Zeit.

Leïla Slimani zeichnet Adèles übermächtig krankhafte Veranlagung mit ihrer inneren Zerrissenheit, in der man vergeblich nach empathischen Regungen sucht, tabulos, spannend und realistisch nach.

Leïla Slimani: All das zu verlieren.
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2019.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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2 Kommentare zu “Leïla Slimani: All das zu verlieren

  1. Hallo,

    ich habe noch nichts von Leïla Slimani gelesen, und ich bin unschlüssig, ob „All das zu verlieren“ etwas für mich wäre, oder ob mir da die empthischen Regungen doch zu sehr fehlen würden…

    LG,
    Mikka

  2. Die spärlichen Gefühlsregungen der Protagonistin schmälern keinesfalls das Leseerlebnis. Vielmehr betont die Autorin dadurch umso treffender den Charakter ihrer Figur.

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