Laurence Gonzales: Lucy

lucyDie amerikanische Wissenschaftlerin Jenny stößt bei ihrer Flucht durch den kongolesischen Dschungel auf die fünfzehnjährige Lucy, deren Vater, ein britischer Forscher, von den kongolesischen Rebellen getötet wurde. Die beiden können sich aus dem Kongo retten. Jenny nimmt das Mädchen mit nach Amerika und adoptiert die Waise.

Lucy ist bemerkenswert hübsch und ungewöhnlich intelligent. Sie meistert die Highschool mit Bravour, obwohl sie zwei Jahre jünger als ihre Mitschüler ist. Ihre Sinne, besonders ihr Hörvermögen und ihr Geruchssinn, sind außerordentlich geschärft und versetzen ihre Adoptivmutter immer wieder in Erstaunen. Lucys körperliche Kräfte sind enorm, ihre soziale Kompetenz ist beispielhaft. Sie lebt sich allmählich in der für sie vollkommen fremden Umgebung ein und findet in Amanda eine enge Freundin.

Durch einen Zufall stößt Jenny eines Tages auf das unglaubliche Geheimnis des Mädchens: Lucy ist ein Hybrid. Ihr Vater hat durch die Kreuzung seines menschlichen Genmaterials mit den Genen eines Bonobo-Weibchens ein Wesen erschaffen, das halb Affe und halb Mensch ist. Lucy weiht ihre Freundin Amanda in ihr Geheimnis ein und die beiden Mädchen beschließen, mit Lucys Herkunft offensiv umzugehen. Mit Unterstützung von Jenny erstellen die beiden ein Video, in dem Lucy ihre Herkunft erläutert und von ihrer Mutter, dem Bonobo-Weibchen Leda, erzählt. Den Film stellen die Mädchen bei You Tube ein.

Das Medienecho ist ungeheuer. Jennys Haus wird von der Presse belagert und Lucy ein gern gesehener Gast in Talkshows. Doch nicht alle reagieren positiv auf das Affenmädchen, wie sie in den Medien genannt wird. Fanatische religiöse Gruppierungen verdammen ihre Existenz als Sünde und der Senator von Utah bringt eine Gesetzesvorlage auf den Weg, genannt Lex Lucy, durch die Hybrid-Wesen die Zugehörigkeit zur menschlichen Rasse abgesprochen werden soll. Und dann wird Lucy entführt von Mitarbeitern des Almagordo-Primaten-Forschungszentrum, das Verbindungen zum Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten unterhält.

Laurence Gonzales Roman beginnt spannend und stellt den Leser vor tiefgründige Fragen über die Existenz des Menschen. Wie findet sich ein Mensch, der das Erbgut von Menschenaffen in sich trägt, in die menschliche Gesellschaft ein? Wäre dieser Hybrid überhaupt ein Mensch oder müsste er als Tier gelten? Wäre er möglicherweise dem Menschen überlegen an Intelligenz und Sozialverhalten, weil er die besten Eigenschaften beider Spezies, Mensch und Menschenaffe, in sich vereint?

Leider driftet die Geschichte nach der Entführung Lucys durch das Almagordo-Primaten-Forschungszentrum, in dem Lucy wie ein Versuchstier einsperrt und grausame Versuche an dem hilflosen Mädchen durchgeführt werden, ins Actionhafte ab. Die spannende Frage, ob und wie ein Hybrid wie Lucy von unserer Gesellschaft aufgenommen werden kann und welche rechtliche Stellung ein solches Wesen haben könnte, lässt Gonzales zugunsten billiger Action fallen.

Fragwürdig erscheint mir auch die Aussage des Buches, eine Kreuzung aus Mensch und Menschenaffe wäre intelligenter, sozial kompetenter und friedvoller, quasi der bessere Mensch. Der Autor hat für seine These keine überzeugenden Argumente.

Fazit: Laurence Gonzales Roman bietet leidliche Spannung gepaart mit einer naiven philosophischen Aussage. Nur bedingt zu empfehlen.

Laurence Gonzales: Lucy.
dtv, Dezember 2011.
432 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martina Sprenger.

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