Kuwana Haulsey: Der Engel von Harlem: Die Lebensgeschichte der ersten farbigen Ärztin in New York

Dr. May Chinn lebte von 1896 bis 1980 in New York und wurde der Engel von Harlem genannt. Für die Tochter eines ehemaligen Sklaven und einer Halbindianerin gab es nur wenige Optionen: ein früher Tod durch Gewalt oder Krankheit, viel zu jung und ohne Bildung Kinder zu bekommen sowie Armut, weil Farbige aus Prinzip für ihre Arbeit extrem schlecht bezahlt wurden. May hatte das große Glück, dass ihre Mutter Lulu für sie da war. Schon sehr früh fiel ihr Mays Intelligenz auf. Sie erkannte bei ihrer Arbeit in den Haushalten reicher Weißer, wie wichtig Bildung und Förderung bei Kindern ist. Also versteckte sie jede Münze vor Mays trinkfreudigem Vater und sorgte für die häufigen Umzüge aus der Gefahrenzone sozialer Brennpunkte.

Kuwana Haulseys wunderbarer Roman ist ein Hohelied auf die Stärke der Frauen. Nach ihrem preisgekrönten Debütroman „The Red Moon“ gelang der Autorin das Kunststück, für ihren zweiten Roman gleich mehrere Preise zu erhalten. Dies liegt auch an ihrem sprachlichen Talent, mit dem sie ein aktuelles Thema mit geschichtlichen Fakten unterfüttert. Mays berührende Geschichte wurde von Dieter Fuchs übersetzt.

Anschaulich beschreibt die Autorin, wie die Hauttöne von schwarz, braun und creme sogar unter Farbigen eine zentrale Rolle spielen, als sei allein die Annäherung zur Hellhäutigkeit ein Aufstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie.

May war sehr hellhäutig. Ihren Vater konnte man für einen Weißen halten. Dies reichte jedoch nicht als Türöffner für ihre Karriere. Denn ohne Lulus Unterstützung wäre das Medizinstudium ein Traum geblieben.Mays einsamer Kampf in der Männerwelt wurde extrem brutal und hart. Der Irrsinn, Frauen die Arbeit im Krankenhaus extra zu erschweren, weil sie angeblich als Ärztinnen unfähig seien, beschreibt beispielhaft das Fehlen von Menschlichkeit und Verstand. Die Autorin beschreibt diese Hindernisse so plastisch, dass die Lektüre zu einer spannenden und erhellenden Zeitreise wird.

Mays Leitthema nach vielen politischen Diskussionen war die Frage, was sie tatsächlich bewirken könne. Was war der Sinn ihres Lebens? Es dauerte viele Jahre, bis sie endlich die mangelnde medizinische Versorgung der Farbigen reduzieren durfte. Häufig arbeitete sie umsonst. Zehn Jahre vor ihrem Tod war Dr. May Chinn mittellos und konnte die Miete ihrer Wohnung im Armenviertel nicht mehr bezahlen. Ein Bericht im New York Times Magazin erinnerte an ihre selbstlosen Verdienste und startete einen erfolgreichen Spendenaufruf.

May glaubte über vier Jahrzehnte, sie sei nicht gut genug, nicht würdig, bis sie eines Tages begriff, nicht sie selbst, sondern die Umstände waren nicht gut genug und ihrer würdig.

Kuwana Haulsey: Der Engel von Harlem: Die Lebensgeschichte der ersten farbigen Ärztin in New York.
Urachhaus, März 2021.
416 Seiten, Taschenbuch, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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