Kristina Pfister: Ein unendlich kurzer Sommer

Ein Sommer auf einem rustikalen Campingplatz an einem ruhigen, märchenhaften See irgendwo im Nirgendwo. Wer diese Atmosphäre verspüren will, der sollte „Ein unendlich kurzer Sommer“ von Kristina Pfister lesen. Der Roman ist nicht nur die perfekte Sommerlektüre, sondern zeigt auch, dass manchmal schwere Entscheidungen ein Tor zum Glück sein können, wenn man es zulässt.

Nach einem Schicksalsschlag verspürt Lale das dringende Bedürfnis nach einem Tapetenwechsel. Sie will einfach nur raus, muss weg von ihrem Ehemann und ihrem gemeinsamen Zuhause. Ihr Weg führt sie zu einem alten Mann, der ihr anbietet, auf seinem Campingplatz an einem See irgendwo in Deutschland auszuhelfen und im Gegenzug dort unterzukommen. Doch Lale ist nicht die Einzige, die zu dem Campingplatz findet. Die Magie des Ortes führt vier Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensstandpunkten zusammen, die fortan einen unendlich kurzen Sommer miteinander verbringen.

Was den Roman ausmacht, sind die Charaktere und ihre Hintergründe. Man kann sich total gut in Lale hineinversetzen, die einfach mal rausmuss und plötzlich gar nicht mehr so richtig weiß, was sie eigentlich macht und wer sie sein will. Ohne zu viel vorwegzunehmen, treffen hier Menschen aus ganz unterschiedlichen Altersklassen und mit ganz eigenen Baustellen aufeinander. Und obwohl alle von ihnen derart verschieden sind, entsteht ein Band zwischen ihnen, das aus bedingungsloser Freundschaft – und vielleicht auch aus etwas Liebe – geknüpft ist. Die Gespräche, die im Vordergrund des Buches stehen, sind an Komplexität und Tiefgang kaum zu übertreffen. Gleichzeitig wird einem vermittelt, dass Kommunikation so viel mehr ist als nur das Sprechen miteinander. Man baut in Rekordzeit eine Verbindung zu jedem der Charaktere auf und dadurch, dass der Roman aus der Perspektive verschiedener Figuren geschrieben ist, ist man Teil ihrer individuellen Denkprozesse und Entwicklungen. Man erfährt die Geschichten jeder Figur, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch irgendwie miteinander verstrickt sind. Unter diesen Geschichten sollte man sich allerdings keine Unbeschwerten vorstellen. Neben großen Geheimnissen thematisiert das Buch unter anderem Krankheit, Tod und Unglücklichsein. Es grenzt an manchen Stellen schon fast an einen Ratgeber – in einer guten Weise -, so schöne Lebensweisheiten sind darin enthalten. Doch auch Taschentücher könnten in einigen Passagen nützlich sein.

Man hat jedenfalls an keiner Stelle das Gefühl, dass der Plot stagniert, im Gegenteil: Der Plot ist gut durchdacht und wirkt durchweg logisch. Der Roman ist fast schon ein zu entdeckendes Rätsel, da im Laufe des Leseprozesses aus jedem kleinen Detail ein Muster gestrickt wird, wodurch am Ende wirklich alles Sinn ergibt.

Hervorzuheben ist außerdem die Atmosphäre des Romans, für die es sich allein schon lohnt, das Buch zu lesen. Man kann sagen, das Buch lebt von seiner Atmosphäre. Durch die Beschreibungen der Umgebung, die genau so ausschweifend sind, dass man das Fleckchen Erde vor dem inneren Auge sieht, ist das Buch ultra entschleunigend. Das liegt auch daran, dass sich der Campingplatz wirklich im Nirgendwo befindet. Keine laute Stadt, keine Zeitnot, keine Verpflichtungen, kein Stress, sondern einfach nur sein. Dieses Freiheitsgefühl geht stark auf einen selbst über. Am Ende wünscht man sich sogar, auch mal zu einem solchen Ort zu reisen. Hinzu kommt der klare Fokus auf Gemeinschaft und Freundschaft, der auch einen großen Teil der Atmosphäre ausmacht. Selten liest man ein Buch, in dem man die Beziehung zwischen den Charakteren so intensiv fühlt. Wie bereits angedeutet, handelt es sich dabei nicht um typische, simple Beziehungen, sondern es ist viel mehr als das. Es ist echt. Und es ist schön, ein Teil davon zu sein, wie aus Fremden nach und nach eine Einheit wird.

Abschließend lässt sich sagen, dass „Ein unendlich kurzer Sommer“ ein Roman ist, der durch seine sommerliche und gemeinschaftliche Atmosphäre begeistert. Es ist ein Buch über schwere Entscheidungen und Schicksale, aber auch über das Ankommen an einem Ort und bei sich selbst. Eine klare Leseempfehlung wird für alle ausgesprochen, die eine rundum stimmige, entschleunigende Lektüre – idealerweise für den Sommer – suchen und auch mal kurz aus dem Alltag fliehen wollen.

Kristina Pfister: Ein unendlich kurzer Sommer.
Fischer, Mai 2022.
368 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Melina Lange.

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