Kristina Pfister: Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

Es sind die wohl größten Lehrjahre des Lebens: Jener schwerelose Raum zwischen Jugend und Erwachsenendasein. Für viele eine aufregende Zeit des Aufbruchs. Für andere jedoch eine Zeit voller Selbstzweifel und Stagnation. Die 24-jährige Annika gehört zur letzteren Gruppe. Sie hat ihr Studium beendet, macht sinnlose Praktika, weiß nicht wohin mit sich. Ihren gleichaltrigen Freundinnen scheint es wesentlich besser zu gehen: Facebook-Schnappschüsse von exotischen Auslandsaufenthalten, tollen Jobs und neuen Liebschaften führen Annikas eigenes Versagen vor Augen. Sie zieht sich immer mehr zurück. Bis sie eines Tages ein ungewöhnliches Mädchen kennenlernt, dass ihrem Leben eine neue Richtung gibt.

Marie-Louise ist ganz anders als ihr vornehmer Vorname vermuten lässt. Das Mädchen ist wild, rebellisch, raucht, trinkt, knutscht mit wechselnden Typen und ist ständig auf Achse. Kurz: Sie ist so, wie Annika gern wäre. Diese bringt ihre Abende damit zu, Serien auf dem Laptop illegal zu streamen und dabei Sex-Werbungen wegzuklicken. Durch einen Zufall treffen sich die beiden ungleichen Frauen in Annikas Heimatort wieder, wo sich diese nach einem abgebrochenen Praktikum in ihrem Elternhaus verschanzt hat. Doch Marie-Louise nötigt die Deprimierte zu einer „Löffel-Liste“: Dinge, die sie noch tun möchte, bevor sie den Löffel abgibt. Und schon beginnt er… ein Sommer, in dem Annika lernt, über sich und ihre Ängste hinauszuwachsen – inklusive eines Roadtrips mit wildfremden Jungs.

Sichtbar werden, der eigenen Stimme Gehör verleihen, sich richtig frei fühlen. All dies ist Annika bislang versagt geblieben. Kristina Pfister zeichnet das Porträt einer Mittzwanzigerin, die sich von Facebook und dem Leben abgehängt fühlt. Der es nicht gelingt, sich aus der Fülle von Möglichkeiten für einen richtigen Weg zu entscheiden.

Die Autorin und ehemalige Stipendianten der Bayerischen Akademie des Schreibens hat ihre Zwanziger gerade erst hinter sich gelassen und trifft den richtigen Ton ihrer Generation. Schön, poetisch und realitätsnah schildert Kristina Pfister eine Lebensphase, die von einem besonderen Zauber begleitet ist.

Fazit: Eine „Coming-of-Age“-Geschichte, die sich schon deshalb lohnt, weil es seit „Thelma und Louise“ nicht mehr allzu viele Roadmovie-Abenteuer gegeben hat, in denen Frauen aufs Gaspedal drücken. Selbst wenn sie dabei nur mit der Deutschen Bahn fahren.

Kristina Pfister: Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten.
Tropen, Februar 2017.
253 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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