Kjersti A. Skomsvold: meine gedanken stehen unter einem baum und sehen in die krone

Die Ich-Erzählerin hat sich für ein Leben entschieden, in dem nur Raum für das Schreiben bleibt. Bis sie Bo kennenlernt, glaubte sie, sich in der konservierten Einsamkeit eingerichtet zu haben. Und dann, völlig überraschend sagt sie nach fünf Jahren ja zu Bo, einem Mann, der trotz der ständigen Absagen immer wieder auf sie zugegangen ist. Jetzt sind sie eine Familie. Als ihr zweites Kind, eine Tochter, geboren wird, hält sie mit ihr eine Zwiesprache, die eine Liebeserklärung an das Leben ist.

Die Autorin Kjersti A. Skomsvold, 1979 in Oslo geboren, zählt zu den wichtigsten Gegenwartsautorinnen Norwegens. Zahlreiche Preise und unterschiedliche Werke in den Bereichen Lyrik und autobiographischer Prosa zeigen ihre künstlerische Vielfalt. Ihr aktueller Kurzroman handelt von einer schreibenden Frau, die ihre Arbeit und die Natur braucht, um sich vollständig zu fühlen. Die Ich-Erzählerin beschreibt ein an und für sich normales Leben so präzise und zugleich reduziert, dass sich ihre Lebensabschnitte als besonders und einzigartig offenbaren. Mit leichter Hand weiß sie ihren vertraulichen, halb privaten Erzählton einzusetzen, um den Leser für sich einzunehmen. Sie vermittelt damit den Eindruck, man tauche in das reiche Innenleben einer intellektuellen Künstlerin ein. Einige Textpassagen sind direkte Ansprachen an ihre Tochter, viele andere jedoch haben den Charakter des inneren Monologes, in dem die Ich-Erzählerin sich ihrem Thema offen und ehrlich stellt, nämlich der Überwindung der Einsamkeit für eine Zwei- beziehungsweise Mehrsamkeit.

Recht schnell stellt sich bei der Lektüre ein Gefühl ein, als würde man direkt einem Denkprozess beiwohnen und gleichzeitig mit ähnlichen Erlebnissen und Erkenntnissen aus dem eigenen Kontext eine Verbindung herstellen.

Die auffallenden Stilmittel der Autorin sind unter anderem die Verknüpfung von unterschiedlichen Bedeutungen zu unverbrauchten, lyrischen Bildern. Beim Besuch eines Friedhofs assoziiert die Ich-Erzählerin: „… Vögel haben sich über mir in den Bäumen versammelt, kleine schwarze Klumpen auf den Zweigen, wie eine singende Krankheit, und in der Ferne konnte ich förmlich hören, wie die Krankheiten sangen und tuschelten, wie sie sich bereitmachten, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen.“ (S. 34)

Die Übersetzung von Ursel Allenstein aus dem Norwegischen hat diesen Literaturgenuss ermöglicht. Dies war sicherlich keine leichte Übung. Es wäre schön, auch ihren Namen auf dem Cover lesen zu dürfen.

Kjersti A. Skomsvolds Kurzroman dürfte besonders die Literaturliebhaberin ansprechen. Sie schenkt ein intensives Leseerlebnis, das zugleich mit Sprachkunst einhergeht, und zeigt beiläufig, was Bücher sein können.

Kjersti A. Skomsvold: meine gedanken stehen unter einem baum und sehen in die krone.
Hoffmann & Campe, September 2019.
128 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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