Kirsten Boie: Dunkelnacht

Es ist April, fast Mai, ein Junge und ein Mädchen treffen sich, der erste Kuss im Mondschein verunglückt und eigentlich erzählt diese Szene schon von Mord, vom Krieg, von weißen Betttüchern, die eine friedliche Kapitulation symbolisieren sollen.

Schorsch, ein Junge aus dem bayerischen Penzberg, ist überzeugt, dass Deutschland auch nach vielen Jahren Krieg nicht kapitulieren darf, und erschrickt über das, was Marie ihm sagt: „Am besten, wir legen schon die Betttücher bereit“. Ist das Wehrkraftzersetzung? Und dann die Hoffnung: Könnte der Krieg bald vorbei sein?

Marie, die Tochter des Metzgers und Schorsch, Sohn des Polizeichefs, durchleben in Kirsten Boies Jugendbuch „Dunkelnacht“ die tatsächlichen Ereignisse der Tage vom 28. – 29. April 1945, zwei Tage vor Hitlers Selbstmord. Die Kleinstadtbewohner hören über das Radio, dass die „Freiheitsaktion Bayern“ das Ende des Krieges verkündet und einige Bürger handeln beherzt: Sie setzen den von den Nazis abgesetzten Bürgermeister wieder ein, versuchen zu verhindern, dass das Bergwerk gesprengt wird – ein Befehl, den es auszuführen gilt, falls die Stadt dem Feind in die Hände fällt – und wollen, dass die Kriegsgefangenen im Ort nicht in letzter Minute hingerichtet werden.

Doch dann kommt die Wehrmacht in den Ort, den sie eigentlich nur durchqueren will, und gemeinsam mit der Gruppe Werwolf, einer Gruppe aus Alten und Kindern, die Penzdorf verteidigen soll, kommt es zu Hinrichtungen in der „Penzberger Mordnacht“.

Marie und Schorsch werden Zeugen des nächtlichen Verbrechens, sie können nicht viel tun, außer hoffen, dass bald alles vorüber sein wird und einander nicht verraten.

Anders als sie macht sich Gustl schuldig in dieser Nacht. Er hat sich aus Überzeugung der Gruppe Werwolf angeschlossen, weil er anders sein will als sein Vater, ein Roter, der in Dachau war und in seinen Augen ein Verräter.

Die Geschichte endet einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner und wird in knappen Worten erzählt, dicht, drängend, in atmosphärischer Sprache, die jugendliche und erwachsene Leser in Bann zieht.

Das Buch hat eine explizit politische Botschaft: Auch in diesen Zeiten muss irgendwer das Richtige tun!

Die, die in „Dunkelnacht“ das Richtige zu tun versuchen, werden ermordet, erhängt und erschossen: Paul Badlehner, Gottlieb Belohlawek, Franz Biersack, Michael Boos, Johann Dreher, Agathe und Franz Xaver Fleissner, Albert Grauvogel, Rupert Höck, Josef Kastl, Ludwig März, Hans Rummer, Michael Schwertl, Johann Summerdinger, Johann und Therese Zenk sind reale Menschen, wie Kirsten Boie im Nachwort erklärt; die Mordnacht in Penzberg hat es wirklich gegeben. Schorsch, Marie und Gustl sind fiktive Figuren.

Kirsten Boie: Dunkelnacht.
Oetinger, Februar 2021.
112 Seiten, Gebundene Ausgabe, 13,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Corinna Griesbach.

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