Kerstin Gulden: Fair Play: Spiel mit, sonst verlierst du alles!

Was wäre, wenn jeder auf unseren Social-Media-Accounts zu erkennen könnte, wie sehr wir die Umwelt belasten? Jeder hat ein CO2-Budget, und wenn das überschritten wird, färbt sich ein Icon rot.

Mit dieser Idee treten die Schüler einer 11.Klasse in Berlin beim Förderwettbewerb des Berliner Senats zum Thema „Dürresommer und Mikroplastik – sind wir noch zu retten?“ an. Ein Experiment beginnt, drei Monate Laufzeit, jeder an der Schule darf mitmachen. Die vier Verantwortlichen könnten unterschiedlicher nicht sein: Kera war früher bei Umwelt-Demos dabei, bis sie erkannt hat, dass doch nichts geschieht – sie hatte die Idee. Sie ist auch die einzige, für die von Anfang an der Klimaschutzgedanke eine Rolle spielt. Max ist gut in Kunst und will mit seiner Teilnahme die Versetzung und sein Abi retten. Er entwirft ganz nebenbei ein Logo und den Namen: Fair Play. Elodie ist Influencerin und hat schon jetzt fünfstellige Abonnentenzahlen, aber das Image beginnt ein wenig zu bröckeln und so kommt ihr das Projekt entgegen, um sich neu zu inszenieren. Leonard ist Computerspezialist und Mobbingopfer, er programmiert die App, mit der sich bald die Hälfte der Schüler dem Diktat eines Energie-Verbrauchs-Rechners unterwirft. Das Ziel besteht darin, dass das gemeinsame Klimakonto der Schule am Ende der drei Monate im grünen Bereich ist.

Die App polarisiert. Sie durchdringt den Alltag, beeinflusst Entscheidungen. Die Schülerschaft teilt sich schon bald in Fair Player und Foul Player, also solche, die die App nicht auf ihrem Handy installiert haben und als Durchschnittsverbraucher in die Berechnung einbezogen werden, und ziemlich schnell beginnen die ersten zu mogeln. Das ist aber nicht der einzige Grund, aus dem das Experiment aus dem Ruder läuft. Nicht jedem Beobachter gefällt, was die Jugendlichen auf die Beine stellen.

Die Ereignisse werden aus der Sicht der vier Jugendlichen erzählt. Sie berichten abwechselnd von ihrem Leben mit der App. Als Leser habe ich dadurch den Vorteil, immer auch die Überlegungen und Motive der anderen zu kennen. Jeder der vier trägt auf seine Weise dazu bei, dem Projekt zu Erfolg zu verhelfen. Ich sehe aber auch Missverständnisse und erkenne Fehlentscheidungen. Persönliche Interessen hintertreiben das große Ziel, Lügen und Verrat säen Misstrauen.

„Aber jeder von uns hatte auch einen persönlichen Grund mitzumachen … oder zu rebellieren: Status, Geld, Rache, Liebe. Und so verloren wir mehr, als wir einsetzen wollten. Einen von uns.“ (S. 5)

Somit steht von Anfang an auch die Frage, welcher der vier Protagonisten damit gemeint ist, was die Spannung zusätzlich anheizt. Kerstin Gulden versteht es, geschickt verschiedene Spuren zu legen. Am Ende fallen Fassaden und enthüllen Schönes und Hässliches.

Ob das Projekt „Fair play“ den Wettbewerb gewonnen hat, wird hier nicht verraten. Auf der Haben-Seite gibt es für die Jugendlichen prägende Einsichten und Erkenntnisse und für mich einen Denkanstoß: „Opfer. Will man nicht bringen, will man nicht sein. Aber ist es nicht das, was Superhelden ausmacht? Manchmal geht es nicht ohne. Dann hilft nur eines: Die Bürde aufzuteilen, unter möglichst vielen. Damit jeder ein bisschen aufgeben muss und keiner alles:“ (S. 331)

Kerstin Gulden: Fair Play: Spiel mit, sonst verlierst du alles!.
Rowohlt Rotfuchs, März 2021.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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