Ken Liu: Seidenkrieger 01: Die Schwerter von Dara

daraDreiundzwanzig Jahre hat der Imperator Mapidéré dafür benötigt, seinen Traum zu verwirklichen. In unermüdlichen Kämpfen hat er die Inseln von Dara unter seiner Herrschaft vereint, hat Könige und ihre Familien meucheln, Schlachten austragen und Städte schleifen lassen.
Seitdem gilt in ganz Xana ein einheitliche Maßsystem, wird einheitlich in denselben Buchstaben geschrieben und in gleichen Zahlen gerechnet. Selbst die Straßen sind, was Breite und Aufbau anbelangt normiert, und ermöglichen ein verglichen mit früher komfortables Reisen und einen ständigen Warenaustausch. Der Handel und Wohlstand hat beständig zugenommen, die Pläne, die Inseln durch unterirdische Tunnel miteinander zu verbinden wurden vorangetrieben. Dies alles kostete Geld, viel Geld, so dass die Bevölkerung verarmt und allzu oft perspektivlos ihr Dasein fristet.

Als der Imperator trotz aller Versuche, das Altern aufzuhalten auf seinem Todesbett liegt, sehen die Hofschranzen ihre Zeit gekommen. Intrigen werden in Gang gesetzt, der Thronerbe betrogen und aus dem Weg geräumt, die Berater schwingen sich auf, die Macht im Reich zu übernehmen.
Auch die Götter, einander misstrauisch beäugende Wesen, sehen die Zeit in die Geschicke der Menschen einzugreifen gekommen. Doch zumeist sind sie eifersüchtig über ihre jeweilige Macht über die Gläubigen wachend damit beschäftigt, sich gegenseitig ihr göttliches Leben schwer zu machen.

Für zwei Männer beginnt damit ihr jeweiliger Aufstieg zu Macht und Ehren.

Kuni Garu ist ein Filou, ein Tunichtgut, der dem Wein und Weib weit mehr zugetan ist, als es seiner Familie recht ist. Unterhaltsam ist er, doch seine Rechnungen beim Wirt mag er nicht bezahlen – von was auch, schläft er doch den Schlaf der Gerechten, während seine Saufkumpane malochen oder studieren. Als er die Liebe seines Lebens trifft versucht er solide zu werden. Er kümmert sich als Aufseher um Mitbürger, die ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem Imperator nicht nachkommen können und geleitet die Verurteilten als Wächter zu ihrem Frondienst. Als die Rebellion ausbricht, macht er sich als einer, der die Notleidenden unterstützt einen Namen und schart immer weitere Rebellen um sich.

Mata Zyndu enstammt einer alten, vom Imperator fast ausgelöschten Dynastie mächtiger Fürsten und Kämpfer. Der acht Fuß große Mann die den Doppel-Pupillen sieht und nutzt seine Chance, die alte Machtbasis wieder zu erneuern. Auch er schart eine Menge an Unzufriedenen um sich, und beginnt seinen Aufstieg zur Macht.

Zunächst verbindet die beiden ebenso charismatischen wie unterschiedlichen Männer eine enge Freundschaft. Gemeinsam gehen sie gegen die Truppen des Imperators vor und erringen erste Erfolge und Siege. Später als die Rebellion in eine Revolution mündet und der Wettlauf zur Macht entbrennt finden sie sich auf verschiedenen Seiten wieder …

Was ist dies für ein Roman, der Knaur ins einer neu gestarteten Fantasy Edition durch ein edles Hardcover herausstreicht?
Silkpunk, so hat man in den Staaten den Auftaktroman einer Trilogie genannt ist kein Buch, das sich dem Leser, das sich mir, einfach erschloss. Ständige Perspektivwechsel, eine unheimlich vielfältige Anzahl von Figuren erschweren zu Beginn die Lektüre, und behindern den Lesefluss.

Wir folgen dieses Mal keinen charismatischem Helden bei seiner Queste, schlüpfen nicht in die Haut eines vielversprechenden Protagonisten, um mit diesem letztlich triumphale Abenteuer zu bestehen. Statt dessen wartet ein Plot auf uns, der von einem Umbruch in einer Gesellschaft, die an fernöstliche Kulturen erinnert, berichtet.

Ein in vielen Jahren mühsam geschaffenes Reich, das trotz der Opfer, die die zwangsweise Schaffung gekostet hat den Bewohnern auch viel Gutes brachte, wird in wenigen Monaten zerschlagen.
In kurzen, eingeschobenen Kapiteln lernen wir Generäle, Beamte, und einfache Bauern kennen, erleben ihre Sicht der Ereignisse, ihr Leid, ihre Hoffnung und letztlich oftmals ihren tiefen Fall. Das erinnert ein ganz klein wenig an die so gefeierte Game of Thrones Saga, nur in einem fern-östlichen Gewand, entpuppt sich dann aber als weit mehr.

Es ist die auch in Details überzeugend erdachte und ausgearbeitet Darstellung einer Welt im Umbruch.
Sicherlich, es gibt packend geschilderte Kämpfe und Schlachten, wir lernen Helden und Feiglinge, Verräter und integere Personen kennen, doch das eigentliche Pfund, mit dem Liu wuchert, ist die Darstellung der sozialen wie politische Auswirkungen der Veränderungen. Natürlich interessiert uns das Geschick der beiden Hauptcharaktere, ihr ganz unterschiedliche Aufstieg zur Macht und ihr Fall, doch mehr noch als diese ist die beschriebene Welt selbst Dreh- und Angelpunkt des Plots. Dabei hat sich der Autor vom Aufstieg der chinesischen Han Dynastie inspirieren lassen, lässt diese als Vorbild aber schnell und weit hinter sich.
Komplex ist das Bild, das sich aus den unzähligen Geschichten in der Geschichte zusammensetzt, wie ein Puzzle fügen sich die Teile zu einem umfänglichen Bild zusammen, das uns eine ungeheuer detailreiche, vielfältige und real wirkende Welt präsentiert, die weit von den üblichen archaischen Schauplätzen der Fantasy Romane entfernt ist. Die mannigfaltigen kurzen Geschichten in der Geschichte eröffnen es dem Autor uns nicht nur immer neue Figuren vorzustellen, sie zeigen auch Lius Stärken in der kurzen und dennoch glaubwürdigen Charakterzeichnung und seinen pointierten Kurzplots, die ihm bei seinen Erzählungen bereits diverse Preise einbrachten.

So ist dies ein Roman, der zu Beginn ein wenig, nein, ich will ehrlich sein, ein gerüttelt Maß an Sitzfleisch und Durchhaltevermögen erfordert, der sich dann aber zu einem wahren Feuerwerk an beeindruckenden Geschichten und einer mehr als interessanten Welt entwickelt.

Ken Liu: Seidenschwerter 01: Die Schwerter von Dara.
Knaur, September 2016.
736  Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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