Keigo Higashino: Unschuldige Täter

Es sollten gemütliche, vielleicht sogar langweilige Schulferien am Meer werden. Weil seine Eltern mit der Eröffnung der neuen Filiale ganz in Anspruch genommen sind, fährt Kyohei zur Tante, der älteren Halbschwester seines Vaters. Sie wohnt in Harigaura, einem verblichenen Ferienort am Meer. Zusammen mit ihrem kranken Mann und ihrer Tochter betreibt sie die in die Jahre gekommene Pension Grüner Felsen.

Kyohei sollte der einzige Gast sein. Doch dann erscheinen mit ihm zusammen zwei weitere Gäste, ein Professor und ein pensionierter Kommissar. Bereits in der ersten Nacht stirbt der Pensionär unter unklaren Umständen. Der Sturz vom Deich sieht nach einem Unfall aus. Und so möchte die örtliche Polizei diesen Tod auch zu den Akten legen, wenn nicht ein ehemaliger Kollege des Verstorbenen und die Witwe auf eine Autopsie bestehen würden. Bei den intensiven Ermittlungen sorgt jedes neue Detail für mehr Verwirrung. Ob Unfall oder Mord, die Zahl der Verdächtigen irritiert nicht nur die Sonderkommission. Auch der Professor, der die Polizei in Tokio häufig als Berater unterstützt, soll in der Pension Augen und Ohren offen halten. Seine aufkeimende Freundschaft zu Kyohei entwickelt sich schnell zu einem Ermittlerteam der besonderen Art, denn der Junge ahnt nichts von seiner erhellenden Rolle.

Keigo Higashino schrieb bereits während seines Ingenieurstudiums Kriminalromane. Inzwischen zählt er in Japan zu den erfolgreichsten Kriminalschriftstellern. Sein aktuelles Buch Unschuldige Täter wurde von der Japanologin Ursula Gräfe übersetzt, die im vergangenen Jahr für ihre Übersetzungen mit dem Noma Award for Translation of Japanes Literature ausgezeichnet wurde.

Higashinos Leitthema beschreibt eine Angst, die für verschiedene Menschen zu einem schlechten Berater geworden ist. Das Gesicht und den Anschein zu wahren, gehört zu den gesellschaftlichen Pflichten. Doch manchmal ergeben sich Umstände, die alles zerstören.

Zerstörung bedroht auch den Ferienort Harigaura. Weil die Gäste ausbleiben, fehlt es den Bewohnern an Einkünften. Das unberührte, schützenswerte Meer lockt nur eine Firma an, die Bodenschätze aus der Tiefe holen will. Die Suche nach einer neuen, tragfähigen Lebensperspektive während einer polizeilichen Untersuchung sorgt bei allen Beteiligten für Unruhe und Fehleinschätzungen. Der einzig Ruhige ist der Professor, der auch in diesem Fall seinem Spitznamen Kommissar Galileo gerecht wird, in dem er seine Ermittlung rein wissenschaftlich angeht.

Der ästhetisch klare Erzählstil nimmt den Leser auf eine Ratereise, die japanische Lebensart und Spannung kunstvoll miteinander vereint. Nichts ist, wie es scheint. Konventionelle Kriminalromane wirken im Vergleich zu Keigo Higashinos eleganter Dramaturgie wie eine halbgeladene Waffe in einem aufgebauschten Einsatz.

Keigo Higashino: Unschuldige Täter.
Tropen, März 2020.
428 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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