Kazou Ishiguro: Klara und die Sonne

Poetisch, magisch, tragisch, schön: Literatur-Nobelpreisträger Kazou Ishiguro ist ein Meister darin, tiefe Einblicke in die menschliche Seele zu wagen – und zwar aus Sicht menschenartiger Wesen. In seinem mit Keira Knightley und Andrew Garfield verfilmten Meisterwerk „Alles, was wir geben mussten“ waren es Klone, die dafür gezüchtet wurden, ihren Auftraggebern Organe zu spenden. In diesem Roman ist es eine KI, eine künstliche Intelligenz, deren Aufgabe darin besteht, sensible Jugendliche durch die problematische Zeit des Erwachsenwerdens zu begleiten. In der nahen Zukunft hat sich die Welt mir ihren sozialen Konstrukten verändert. Leider nicht zum Besseren.

Der Roman entfaltet seine unglaubliche emotionale Wucht durch die außergewöhnliche Erzählperspektive. Wir erleben die Geschichte aus Sicht von Klara, der „künstlichen Freundin“. Unmittelbar wirft der Autor uns ins Geschehen. Erster Satz: „Als wir neu waren, standen Rosa und ich in der Ladenmitte, wo auch die Zeitschriften auslagen, und hatten den größeren Teil des Schaufensters im Blick.“ KIs oder vielmehr KFs haben keine Vorgeschichte, keine Kindheit. Ihr Leben beginnt in dem Laden, wo sie hoffen, bald von einem Jugendlichen als Begleiter ausgewählt zu werden. Durch das Schaufenster beobachtet Klara die Welt. Sie hat eine sehr genaue Wahrnehmung, die beim Lesen sofort in den Bann zieht. Denn Klara ist sowohl hochintelligent, als auch naiv. Als hätte man das Gehirn eines Genies in die begrenzte Lebenserfahrung eines Kindes verpflanzt. Heraus kommen entwaffnend ehrliche, tiefgründige Beobachtungen, die ins Mark der Menschen treffen. Sie sagen das eine und tun das andere. Sie sind innerlich zerrissen zwischen dem, was sie wollen und dem, was die Gesellschaft von ihnen verlangt. Sie ändern ihre Meinung, wollen rational handeln, werden aber emotional zurückgeworfen. In der Zukunft mehr denn je.

Was sich genau in der nahen Zukunft verändert hat, erfahren wir langsam im Verlauf des Plots. Subtile, unheilschwangere Vorzeichen baut der Autor geschickt ein. Klara findet ein Zuhause bei der dreizehnjährigen Josie. Diese gehört zu den „Gehobenen“, der privilegierten Klasse. Sie lebt abgeschieden auf dem Land, die beruflich erfolgreiche Mutter ist meist den ganzen Tag unterwegs, während Josie via Online-Tutor unterrichtet wird. Kontakt zu Gleichaltrigen werden über so genannte „Interaktionsmeetings“ eingefädelt. Ihr einziger richtiger Freund ist der Nachbarsjunge Rick mit dem sie eine zarte Romanze verbindet. Doch eine gemeinsame Zukunft scheint unmöglich, da Rick zu den Nicht-Gehobenen gehört. Daher bleibt ihm der Zugang zu College, höherer Bildung und sozialem Aufstieg verwehrt. Doch der Preis, den Josie für ihre Privilegien bezahlen muss, ist hoch. Denn Josie ist krank, todkrank sogar.

Ishiguros sprachliches Gespür trägt dazu bei, dass wir LeserInnen seltsam berührt werden. Denn ausgerechnet eine KI erzählt so poetisch, still und mitfühlend, dass die menschlichen Stimmen dagegen geradezu verstummen. Vieles lässt Ishiguro letztendlich in der Schwebe. Da ist zum Beispiel die Metapher der Sonne, die im Buch eine wesentliche Rolle spielt. Auch die Frage, wo die Grenzen zwischen Maschine und Mensch verlaufen, müssen LeserInnen nach der Lektüre des Buches für sich selbst entscheiden. Im Mittelpunkt steht das Thema, ob in jedem Menschen etwas Einzigartiges steckt, das ihn ausmacht. Etwas, dass sich nicht reproduzieren lässt. Nicht einmal durch eine KI. Manche bezeichnen dies schlicht als „Seele“.

Der in Nagasaki geborene und in London aufgewachsene Autor erlangte vor allem durch sein Werk „Was vom Tage übrigblieb“ internationale Bekanntheit. Dieses wurde mit Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmt. Ob beim Blick in die Vergangenheit oder beim Blick in eine (mögliche) Zukunft – Ishiguro weiß mit seiner Prosa aufzurütteln. Dabei sind seine futuristisch anmutenden Werke „Klara und die Sonne“ oder „Alles, was wir geben mussten“ näher an der Realität, als viele denken. Mitte April 2021 veröffentlichte die University of Science and Technology im chinesischen Yunnan ihren neuesten Durchbruch in Sachen Chimären-Forschung. Es war den Wissenschaftlern gelungen, Embryonen aus Affen- und Menschenzellen zu erzeugen und mehrere Tage in Petrischalen am Leben zu erhalten. Chimären sollen später dazu dienen, Organe zu züchten oder Versuche an ihnen durchzuführen. An Stoff für seine mitreißende und gesellschaftskritische Prosa dürfte es dem Autor also nicht mangeln.

Fazit: Schön und erschreckend, poetisch und brutal, futuristisch und realistisch zugleich: Diesen Spagat meistert der Nobelpreisträger für Literatur so gekonnt wie kein Zweiter. In Ishiguros Werken ist der Mensch sich selbst, anderen sowie dem Planeten entfremdet. Den eigenen Gefühlen sowieso. Wieder einmal ein großartiges Buch dieses Ausnahmeautors.

Kazou Ishiguro: Klara und die Sonne.
Blessing, März 2021.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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