Katharina Adler: Iglhaut

Die deutsche Autorin Katharina Adler (Jahrgang 1980) lebt und arbeitet in München. 2018 veröffentlichte sie in ihrem ersten Roman mit dem Titel „Ida“ die Geschichte ihrer Urgroßmutter. Nun erschien am 12. April 2022 ihr zweiter Roman „Iglhaut“ im Rowohlt Verlag.

„Iglhaut“, deren Vornamen die Lesenden nicht erfahren, ist Schreinerin und wohnt in einem Mietshaus in München. Ihr Handwerk betreibt sie in einer Garage im Hinterhof des Hauses. Die Nachbarn aus Vorder- und Gartenhaus kommen täglich an ihrer Werkstatt vorbei und fast immer ergibt sich die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. Da erzählt ihr Uli Reizberg von dem Hauptgewinn in einem Kreuzworträtsel, einer Reise nach Ägypten. Oder Frau Ivanović beklagt die Wohnungsnot ihres Neffen. Das Ehepaar Zenker von oben streitet die ganze Zeit lautstark, und die Schriftstellerin im Dachgeschoss sieht man nie. Da gibt es noch Jasmina aus der betreuten Wohngemeinschaft und Tildi Rolff, die alte Sozialdemokratin, die inzwischen von Ronnie L. gepflegt  und mit Cannabis versorgt wird. Außerdem wohnt Valeria, Iglhauts Freundin, mit ihrer Tochter Thea im Haus. Es ist Valeria, die auf die Idee kommt, dass die Iglhaut mit Uli nach Hurghada reisen soll. Iglhauts Eltern haben sich getrennt. Der Vater bekocht die Tochter und der Mutter spendete die Iglhaut einst eine ihrer Nieren. Iglhauts Ex, der Anwalt Dori, übernachtet trotz Frau und Kindern hin und wieder bei ihr. Die Kanzlerin ist Vegetarierin und weicht nicht von Iglhauts Seite. Ums Eck kehrt die Nachbarschaft im Imbiss von Herakles und seiner Mama ein. Und für einen Blick in die Zukunft gab es Handlesen in Nurjas Hexenladen.

Da Uli unpässlich ist, verbringt die Iglhaut den Hauptgewinn allein in Ägypten. Zurück in München bricht ihr erst der Backenzahn und dann erhält sie den Auftrag, historische Holzfiguren für ein Kloster zu restaurieren. Daneben kommen immer mehr Anwohnerinnen und Anwohner mit ihren Sorgen und Nöten vorbei. Dabei hat es die Iglhaut selbst nicht so einfach.

Was ist Katharina Adler für ein köstliches Nachbarschafts-Biotop eingefallen, das ich als Lesende durch die vier Jahreszeiten begleiten darf. Allen voran die grandiose Iglhaut, deren stachelig-weicher Name den Charakter der Hauptfigur aufs Trefflichste beschreibt. Doch auch die Nebenfiguren funkeln in der Geschichte, die das Leben in einer deutschen Großstadt mal nicht auf die kühle und kritische Art beschreibt, sondern voller Herzenswärme und Humor. Habe ich vor ein paar Wochen Kristine Bilkaus „Nebenan“ gelesen, so ganz anders fällt die Beschreibung des sozialen Gefüges Nachbarschaft dort aus. Ist die dörfliche Atmosphäre bei Bilkau eher bedrohlich und die Figuren eher einsam, so glänzt bei Adler die nachbarschaftliche Gemeinschaft -auch bei gelegentlichem Unmut Einzelner- durch Empathie und Fürsorge. Dabei ist die Handlung unspektakulär. Katharina Adlers Sprache und Erzählweise mit kurzen, stakkatoartigen Sätzen macht aus den alltäglichen Ereignissen in der Geschichte jedoch von Beginn an ein genussvolles, geistreiches Leseerlebnis:

„Die Iglhaut kam aus dem Untergrund. Die Rolltreppe trug sie hinauf. Die Nacht, wie blank poliert. Niemand nahm das zur Kenntnis, nicht einmal die Iglhaut selbst. Sie war müde vom Flug, von der Ferne. Die Narbe an ihrer Seite juckte.“ (S. 7)

Wie hintersinnig auch Adlers Idee, eine Schriftstellerin oben im Haus zu platzieren, die erst ein Buch über die Nachbarschaft schreiben möchte, es aber verwirft, weil zu uninteressant, um dann nach Berlin, in die Hauptstadt, zu gehen, wo mehr los ist. Das widerlegt Katharina Adler mit ihrem Roman „Iglhaut“ Satz für Satz, Seite um Seite. Bitte mehr von diesen Geschichten!

Katharina Adler: Iglhaut.
Rowohlt, April 2022.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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