Karl Olsberg: Boy in a Dead End

Stephen Hawking hatte die Krankheit und wurde über siebzig Jahre alt. Manuel hat sie auch, und sie zersetzt seinen Körper systematisch. Nur viel, viel schneller. Die Ärzte geben ihm noch ein halbes Jahr Lebenszeit. Was macht ein überdurchschnittlich kluger Junge von 15 Jahren, wenn für ihn nichts mehr eine Rolle spielen soll?

Als sein Vater mit der Idee nach Hause kommt, er könne sein Gehirn scannen und alle gelesenen Informationen auf einen Hochleistungscomputer übertragen lassen, klingt dies wie eine Verheißung. Manuel würde als Datenpaket in einer virtuellen Welt überleben. Der Firmeninhaber und Milliardär spricht sogar von dem ewigen Leben. Seine Firma, die ihm dieses Angebot scheinbar selbstlos unterbreitet, verkauft gerade das beliebteste Onlinespiel aller Zeiten. Die Forschungsabteilung lädt Manuel ein, als Proband die neue Version auszuprobieren und alle Tools zu testen. Wenn er den Spezialanzug trägt, fühlt Manuel seinen Körper wie früher, als er noch laufen und seine Arme bewegen konnte. Ohne Vorwarnung werden seine letzten Lebensmonate zu einem Abenteuer, das nicht nur angenehme Überraschungen für ihn bereit hält.

Der erfolgreiche Autor Karl Olsberg weiß, wovon er schreibt, deshalb darf der Leser auf seine Fachkompetenz vertrauen. Wie weit die künstliche Intelligenz in naher Zukunft das Leben eines Menschen gestalten wird, zeigt der Fachmann Dr. Karl Olsberg: Manuel nimmt seinen sprechenden und helfenden Stuhl als echten Freund wahr und nennt ihn Marvin. Marvin hilft Manuel in allen Lebenslagen; er trägt, wäscht, kleidet, füttert und bettet ihn. Der elektronische Freund ist immer für ihn da. Nur für eine Gefahrensituation hat der hilfsbereite Stuhl kein Programm. Dort ist Manuel seiner Hilflosigkeit völlig ausgeliefert. Ihm bleiben letztendlich nur noch sein Verstand und seine Stimme als Waffe und seine engagierte Schwester Julia. Manuels Kampf, bis zu seinem baldigen Tod noch etwas Sinnvolles zu vollbringen, entwickelt sich zu einer packenden Lektüre, die berührt und immer wieder überrascht.

An keiner Stelle sticht die persönliche Meinung des Autoren zur künstlichen Intelligenz heraus, statt dessen arrangiert er Schlüsselszenen, in denen die unterschiedlichsten Interessenvertreter agieren. Im positiven und negativen Sinne baut sich eine große Bandbreite auf. Schwarz ist nicht nur schwarz, es gibt überall auch weiß und grau, so dass sich der Leser auf sehr unterhaltsame Weise eine eigene Meinung bilden kann. Spannender und besser lassen sich Informationen kaum noch verpacken.

Karl Olsberg: Boy in a Dead End.
Loewe, September 2019.
320 Seiten, Taschenbuch, 14,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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