Karl Geary: Montpelier Parade

Dublin in den achtziger Jahren mit einem Heranwachsenden aus dem Proletariat, einer reichen, unglücklichen Frau mittleren Alters und einer leidenschaftlichen Liebe. – Wer nun eine Herz-Schmerz-Happy End-Story vermutet, der irrt gewaltig: Über der Geschichte liegt eine tiefe Melancholie. Beide Figuren sind Gefangene ihrer Hoffnungslosigkeit. Der junge Sonny kann seinem Milieu und der dort vorherrschenden Chancenlosigkeit nicht entkommen, die schöne Vera ist ihrer ureigenen Schwermut ausgeliefert. Doch für eine kurze Zeit tragen und bereichern die beiden ihre Leben mit ihrer ungewöhnlichen Liebe gegenseitig.

Seine Herkunft scheint dem sechzehnjährigen Sonny wie ein unsichtbarer Stempel auf die Stirn gedrückt. Das kleine Haus, in dem er mit seiner Familie lebt, steht in einem armseligen Viertel. Immer fehlt es an Geld, nicht selten auch an ausreichender Nahrung in der Küche. In seiner freien Zeit verdient Sonny sich ein bescheidenes Taschengeld in einer Metzgerei. Dort ist er hinterm Verkaufsraum zwischen blutigen Fleischstücken den obszönen Äußerungen über Frauen und Sex seinem Kollegen Mick ausgeliefert, der so versucht, ihn aus der Reserve zu locken und zu kompromittieren.

Sonny hat Glück, eine weiterführende Schule besuchen zu dürfen. Obwohl er sich durch widerrechtliches Verhalten in große Schwierigkeiten bringt, bleibt er dennoch ein Sympathieträger mit einem guten Kern im Innern.

Die Treffen in der Katzenhöhle mit Sharon, einem Mädchen derselben Herkunft, verlaufen unbeholfen und krude, gleichen eher raubeinigen Begegnungen halbwüchsiger Kumpels. Sonny ist zu befangen um sich auf Sharon einzulassen obwohl er sich von ihr angezogen fühlt und obwohl das Mädchen dies auf plumpe Weise geradezu provoziert.

Sonny durchlebt die Phasen eines Heranwachsenden mit allen Unsicherheiten in Selbstfindungsprozessen und Alkoholexzessen. Als er seinem Vater bei Bauarbeiten auf dem Grundstück eines Hauses in der vornehmen Montpelier Parade hilft, verändert sich sein Leben. Das Haus und seine Bewohnerin üben eine magische Anziehung auf ihn aus. Alles dort ist so anders als er es kennt. Vor allem Vera, die schöne Bewohnerin mittleren Alters geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder zieht es ihn in die Montpelier Parade. Heimlich beobachtet er Vera durchs Fenster und rettet ihr eines Tages das Leben.

Vera Hatton lebt in ihrer Sandsteinvilla am Wasser nicht auf der Sonnenseite des Lebens, auch wenn dies äußerlich den Anschein hat. Erst nachdem sie ihre Gefühle für Sonny zulässt und ihm die Tür in ihr Haus und in ihre Welt öffnet, empfindet sie ein Glück, mit dem sie nicht mehr gerechnet hat. Sonny taucht in Veras Gefühlswelt und in ihre Bücherwelt ein, besucht ihretwegen sogar die Nationalgalerie in Dublin… Immer stärker verfällt er dem Zauber dieser Frau, die sich trotz ihres Alters von der platten Sharon wie ein Edelstein abhebt.

Gearys durchgehende Erzählhaltung in der zweiten Person erzeugt eine vertraute Atmosphäre.

Dieses Buch hätte gut und gerne durch einige weitere Kapitel gestreckt werden können. Zu gern verweilt man in dieser eindringlichen Handlung im ewigen Regen Irlands mit den lebensnahen Schilderungen der Klassenunterschiede und den fragilen großen Gefühlen.

Karl Geary: Montpelier Parade.
Rowohlt, April 2018.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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