Karin Nohr: Stummer Wechsel

Melissa Dreyer, geschiedene Mutter eines erwachsenen Sohnes, hat einen Doktortitel, ist Rektorin an einem Gymnasium und denkt gewöhnlich mehr an andere als an sich selbst. Sie ist gebildet, klug und ehrgeizig. Oft wirkt sie unnahbar und auf manche sogar einschüchternd, aber ihr Mut und ihr Einsatz sind fast schon sprichwörtlich. Ein wahres Vorbild. Die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Mitglieder des Lehrerkollegiums nennen sie respektvoll MD.

Doch Melissa hat eine große Schwäche: Herbert Michaelis, den Dirigenten des Chors, in dem sie im Sopran singt. Auch dort ist sie eine Instanz, auf die man kaum verzichten kann. Herbert braucht sie für die hohen Töne und um die Register der Orgel zu ziehen, wenn er in der Kirche übt. Melissa schwärmt für ihn wie ein Schulmädchen. Im Kirchenvorstand setzt sie nahezu all seine Ideen durch und wenn er ruft, dann kommt sie. Auch wenn sie rund zehn Jahre älter ist als er, hofft sie, seine Liebe gewinnen zu können. Sie spürt diese besondere Verbindung, die zwischen ihnen herrscht.

Bis Marie Baumgarten in den Chor und in Herberts Leben eintritt. Melissa verlässt nach der Probe fluchtartig den Saal und kehrt nicht zurück. Als sie zusammenbricht ist ihre Sekretärin Anja Miljes ihre einzige Stütze. Die bewundert ihre Chefin und zieht die Strippen im Hintergrund, damit in der Schule organisatorisch alles zur allgemeinen Zufriedenheit läuft. Dazu trägt auch ihre Affäre mit dem – verheirateten – Schulrat Jürgen Pönsgen bei, der in seinem Amt die Dinge gerne mal nach Anjas Wünschen regelt. Er beschafft auch die dringend benötigte Referendarin mit der seltenen Fächerkombination Russisch und Englisch – eine junge Frau namens Marie Baumgarten.

Die Autorin Karin Nohr verknüpft in ihrem Roman „Stummer Wechsel“ die Geschichten dieser fünf Figuren, die in ihrem Leben oberflächlich funktionieren, aber seit vielen Jahren ihre „Päckchen“ (oder Pakete) mit sich herumtragen. Im Laufe des Romans schlittern sie alle in mehr oder weniger große Krisen, in deren Zuge die Leserinnen und Leser erfahren, wer ihnen ihre Last aufgeladen hat – oft hat dabei die Familie die Finger im Spiel, oft auch die Liebe oder was manche darunter verstehen.

Psychologisch differenziert, einfühlsam und mit viel Sympathie für ihre Protagonisten lässt Karin Nohr die Leserinnen und Leser in deren Welt eintauchen. Während die Ereignisse ins Rollen kommen, blickt man Melissa Dreyer, Anja Miljes, Jürgen Pönsgen, Herbert Michaelis und Marie Baumgarten abwechselnd über die Schulter und in den Kopf, wo Erinnerungen, Gefühle und Gedankenfetzen so manches Trauma, manche Zurückweisungen und Ängste zutage fördern. Trotz der dramatischen Ereignisse ist „Stummer Wechsel“ auch ein Roman mit leisem Humor und komischen Szenen – wie das Leben selbst.

Karin Nohrs unvergleichlicher Stil, der mich schon bei ihrem Buch „Kieloben“ begeistert hat, trägt auch diesen Roman. Vieles bleibt ungesagt, bruchstückhaft und offen, doch gerade dadurch gerät in den Leserinnen und Lesern etwas in Bewegung. Man fragt sich: Was habe ich von meinen Eltern mitbekommen? Welche Erlebnisse haben mich geprägt? Warum agiere und reagiere ich so und nicht anders? Was verberge ich vor meiner Umwelt?

„Stummer Wechsel“ hat mich tief berührt und ist gleichzeitig spannend und unterhaltsam zu lesen. Ausgestattet mit einem wunderschönen Cover von Marti O’Sigma, ist dieser Roman ein intensives Gesamtpaket, dessen Gewicht nachwirkt, ohne niederzudrücken und das ich nur wärmstens empfehlen kann.

Karin Nohr: Stummer Wechsel.
Grössenwahn Verlag, November 2019.
250 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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