Karin Nohr: Kieloben

Ingas Leben ist aus den Fugen geraten seit ihr Mann Friedrich vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Sie hat die gemeinsame internistische Praxis aufgegeben und wälzt nun bei der Deutschen Rentenversicherung Akten. Als sie 55 wird und ihr Sohn Sebastian nach dem Abi eröffnet, dass er für ein Jahr nach Australien gehen wird, beschließt sie, nach Norwegen zu reisen.

Nicht weit von den Orten, an denen ihr Vater als Offizier im 2. Weltkrieg auf einem Boot das Kommando hatte, beginnt sie nachzudenken: über ihre Eltern, ihre Brüder Matthias und Markus, ihre Kindheit und Jugend. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel startet sie einen Mailverkehr mit ihren Brüdern, um der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, denn jeder der Geschwister hat ein anderes Bild, andere Erinnerungen an das Leben in der Familie. War die Mutter glücklich mit ihren Kindern oder waren sie ihr eine Last? War der Vater wirklich monatelang auf Sprachkursen in Frankreich oder wegen seiner Kriegstraumata in psychiatrischer Behandlung? War er Kriegsheld oder Täter?

Die Rollenverteilung ist schnell klar: Matthias, der Liebling der Mutter, ist dem Vater gegenüber sehr reserviert, schiebt ihm den Schwarzen Peter zu, während Inga das beste Verhältnis zum Vater hatte. Markus steht dazwischen, versucht immer wieder zu vermitteln. Schon in der Kindheit kam es zu Eifersüchteleien, aber sie haben auch immer zusammengehalten, sich erst im Erwachsenenalter auseinandergelebt. Einig sind sich die drei über die wichtigen Faktoren in der Familie: Segeln, Singen, die Kirche und die Schläge, die sowohl die Mutter als auch der Vater ausgeteilt haben.

Die Geschwister kommen ins Gespräch, tauschen Erinnerungen und Dokumente aus, recherchieren, nähern sich auf ihrer Spurensuche zögernd und mit Rückschlägen wieder an. Ein Brief der Norwegerin Mette rückt die Geschichte des Vaters und der ganzen Familie in ein neues Licht. Die drei nehmen Kontakt zu ihr auf.

Als erstes habe ich mich in das Cover des Buches von Marti O’Sigma verliebt. Es erinnert mich an ein Wachs-Kratzbild, wie ich es als Kind gerne gemacht habe: Ein Blatt Papier wird bunt bemalt und mit schwarzer Wachsmalkreide bedeckt, in die man dann ein Bild ritzt. Wo ich die schwarze Farbe abgekratzt habe, begann das Bild zu leuchten, entwickelte sich ein Motiv und immer war ich überrascht darüber, was zum Vorschein kam. Gleichzeitig blieben dunkle Flecken. So geht es auch Inga, Matthias, Markus und Mette in Karin Nohrs „Kieloben“, so geht es jedem, der sich mit der Vergangenheit seiner Familie beschäftigt.

Der Autorin gelingt es mit ihrem außergewöhnlichen Stil, dass die Figuren lebensnah und unmittelbar vor den Leserinnen und Lesern stehen. Mit wenigen Worten, Dialogen und Gedanken entwirft sie tiefgründige Charaktere. Vor allem die Protagonistin Inga ist mir so sehr nahe gekommen und gegangen. Ihre Grübeleien, Zweifel und Ängste, ihre Suche und ihr Aufbruch wirken authentisch und echt. Das Buch bietet keine Lösungen, aber viel Stoff zum Nachdenken – über sich selbst, seine Familie, die Vergangenheit -, ohne aufdringlich zu werden. Hier habe ich das Feingefühl der Autorin und ihren beruflichen Hintergrund als Psychologin deutlich gespürt.

In „Kieloben“ verknüpft die Karin Nohr geschickt die geschichtlichen Ereignisse mit einer Familiengeschichte. Sie zeigt auf spannende Art und Weise, wie die Vergangenheit die Gegenwart und die Zukunft beeinflussen kann, auch wenn man nur wenig – oder nichts Zuverlässiges – darüber weiß.

Dieser Roman hat mir neue Perspektiven geschenkt und wird mich sicher noch lange beschäftigen. Ich empfehle ihn gerne allen, die neugierig auf andere Menschen, ihre Geschichte und sich selbst sind.

Karin Nohr: Kieloben.
Größenwahn Verlag, Juli 2019.
206 Seiten, Taschenbuch, 19,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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