Julia Jessen: Alles wird hell

hellWie ein Leitfaden zieht sich der Titel „Alles wird hell“ durch den Roman. – Das Gute ist hell, Schlechtes ist dunkel.
Julia Jessen beschreibt Hoch- und Tiefphasen ihrer Protagonistin Oda in einer Art Selbstfindungsprozess, der beim kleinen Mädchen beginnt und einschneidende Situationen bis ins hohe Alter aufzeigt.
Es ist eine Familiengeschichte, in der sich die Autorin vieler Metaphern bedient, mit Bildern aller Schattierungen jongliert.

Oda teilt die Bilder ihres Kinderlebens, die sonst niemand sehen kann, mit den LeserInnen. Ihre Gefühle kommen mit den Bildern. Es sind Geheimnisse, die Unruhe in ihr auslösen. In den Schneekugeln auf ihrem Regal, die sie von verschiedenen Ausflügen mitgebracht hat, schneien die Erinnerungen herab. Immer wieder lassen sie sich hervorholen, nur die Intensität ist nicht mehr so stark wie einst.
In ihren Bildern als erwachsene Frau reflektiert sie ihre Beziehung zu Ulf. Eine große Krise entsteht, nachdem Ulf kein zweites Kind mehr will. Oda entfernt sich immer weiter von ihm, ohne dass dies jemand aus ihrer Familie zu bemerken scheint. In diesem Prozess liest man dann so schöne Sätze wie: „Er greift wieder nach meiner Hand. Unsere Haut liegt übereinander. Aber meine Haut ist abwesend. Unendlich viel Luft ist zwischen unseren Händen…“
Immer wieder empfindet Oda ihr Leben als einen Kampf. Sie kämpft mit Ulf und mit Nils, mit dem sie eine Affäre hat, sie kämpft mit ihrer Mutter und mit dem Rest der Familie. Und jedesmal führt ihr Weg aus dem Dunkel ins Licht.
Später, als Oda eine alte Frau ist, liegt der Staub nicht nur auf ihren Gläsern; über alles hat sich der Altersstaub gelegt. Es ist eine Patina der Nachlässigkeiten und Unzulänglichkeiten, die die Dinge verschwommener, unkenntlicher macht. Als Oda gezwungen ist, zusammen mit Ulf ans Sterben zu denken, kommen Gedanken darüber auf, was Wahrheit ist, wo sie anfängt und aufhört, was Verrat ist und was ein Versprechen ist.

Diese Familiengeschichte setzt sich aus Lebensabschnitten zusammen, die mehr die kleinen und größeren Unzulänglichkeiten fokussieren als das Glück. Es sind Geschehnisse während ganz normaler Tagesabläufe, während Festen wie Geburtstagen und Hochzeiten, oder während Beerdigungen. Abnabelung, Aufbruch, Träume, Entfremdungen sind thematisiert. – Teils melancholisch, hauptsächlich aber erfrischend skurril.

Julia Jessen: Alles wird hell.
Antje Kunstmann, Februar 2015.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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