Juli Zeh: Leere Herzen

Juli Zeh hat sich das wohl furchterregendste aller Szenarien herausgesucht – jenes der nahen Zukunft. Wo hört die Dystopie auf, wo fängt die mögliche Realität an? „Leere Herzen“ spielt 2025 in Deutschland. Nach Angela Merkels Rücktritt hat die BBB (Besorgte Bürger Bewegung) die Regierung übernommen. Es gibt das Bedingungslose Grundeinkommen, Europa steht kurz vor der Auflösung, demokratische Grundrechte werden kaum merklich „vereinfacht“. Ehemalige Großstadthipster betreiben gepflegten Eskapismus und strömen in die überschaubaren Mittelstädte. Es sind zynische Nichtwähler wie Britta, jeglicher Illusion beraubt. Nur dass Britta daraus Kapital schlägt. Ihre Psychotherapiepraxis „Die Brücke“ filtert das Internet nach suizidgefährdeten Personen. Durchlaufen diese 12 Stadien ohne geheilt zu werden, werden sie an Organisationen vermittelt, die Selbstmordattentäter gebrauchen können – von Islamisten bis Umweltaktivisten. Britta, Ehefrau und Mutter mit sauberem Betonklotzhäuschen in Braunschweig, hat mit ihrem Doppelleben kein Problem. Bis eine vermeintliche Konkurrenzfirma namens „Empty Hearts“ auf den Markt drängt und ihr eigenes Leben bedroht wird.

Keine Frage, die studierte Juristin und vielfache Literaturpreisträgerin Juli Zeh weiß mit ihrer Prosa zu spalten und zum Nachdenken anzuregen. In ihrem Vorgänger „Unterleuten“ stellte sie ein Panoptikum der Gesellschaft in Form eines brandenburgischen Dorfes dar. Hier holt sie zu weitaus größerem Wurf aus. Sie setzt der Gesellschaft einen Spiegel vor, greift aktuelle politische Ereignisse auf, stellt Grundwerte wie Demokratie, Engagement und Werte auf den Prüfstand. „Da. So seid ihr“, steht anstelle einer Widmung zu Beginn der Geschichte.

Wie immer gestaltet sich die Suche nach einem Sympathieträger in Juli Zehs Prosa sehr schwierig. Die abgeklärte Britta, die ein Geschäft mit dem Tod betreibt, Ordnung über alles liebt, ist von sich und der Natur entfremdet. Sie ekelt sich vor Staub, Schmutz und allem, was organisch ist. Über Politik will sie nicht diskutieren. Gemeinsam mit ihrem schwulen und einst selbstmordgefährdeten Freund Babak, betreibt sie ihre Agentur, mit der sie so gut verdient, dass sie ihren Mann damit unterhalten kann. Dieser befindet sich in der schwierigen Startup-Phase seines Unternehmens, insgeheim zweifelt sie an seinen Fähigkeiten. Ihre besten Freunde sind ausgerechnet ein Künstlerehepaar, das nicht viel verdient und von einem baufälligen Häuschen auf dem Land träumt. Was hält diese Freundschaft zusammen, abgesehen von den gleichaltrigen Töchtern? Ist es, weil Britta Leute braucht, auf die sie heimlich herabschauen kann? Oder erinnert die Janina Britta an etwas, was sie vor langer Zeit verloren hat?

Im Verlauf der Plots bekommt Brittas fast schon roboterhaft anmutende Fassade Risse. Da stürmt Julietta in ihr Leben, die sich als freiwillige Selbstmordattentäterin für den Tierschutz bewerben möchte und Britta vor Augen hält, wie es ist, für Ideale zu brennen. Zu dritt begeben sie sich auf die Flucht, nachdem ihre sensiblen Computerdaten geklaut und sie von einem esoterisch angehauchten Multimillionär bedroht werden. Ihr Geheimversteck befindet sich auf dem Land, wo Britta ohne Internet, Fernsehen und Ablenkung auf sich selbst zurückgeworfen wird. „Das beliebte Gesellschafsspiel namens Stress, bei dem es darum geht, einen Tag so geschickt zu packen wie einen Koffer, damit möglichst viel hineinpasst, ist für sie einstweilen beendet.“ Britta entdeckt, dass sie längst nicht so nihilistisch eingestellt ist, wie geglaubt. Sie weiß noch, was Gut und Böse ist. Und so fällt sie am Ende eine Entscheidung, die zur Rettung der Demokratie beitragen kann.

Juli Zehs Sprache ist schlicht und doch einprägsam, passend zur desillusionierten Gesellschaft des Plots. Ob ihr entworfenes Szenario nun in den Bereich der Sciencefiction oder in den Bereich der möglichen Dystopie fällt, daran mögen sich die Geister scheiden. Voll uns Boot holt uns Juli Zeh mit Szenen aus dem Alltagsleben, die den Leser dazu drängen, eigene Werte in Frage zu stellen. Einprägsam ist eine Szene auf dem Spielplatz. Ein dicker Junge, den Brittas Tochter nicht mitspielen lassen will, zerstört aus Ärger die gebaute Sandburg. Britta rät ihrer Tochter ohne zu zögern: „Hau ihm eine!“. Als sich die Mutter des Jungen über Brittas Erziehungsmethoden beschwert, entgegnet diese: „Soll ich sie so erziehen, dass sie später stillhält, wenn sie vergewaltigt wird?“. Oder tatenlos zusieht, während andere vor ihren Augen zusammengeschlagen werden? Wer dem Leben ausweicht und nichts tut, leiste keinen wertvollen Beitrag für die Welt, konstatiert Britta. Wobei ihr erst später bewusst wird, dass sie selbst ebenfalls tatenlos ihre Wertvorstellungen verraten hat.

Juli Zehs Roman kratzt beim Lesen. Weil er am Schutzpanzer unseres täglichen Eskapismus reibt, zerrt, drückt. Es ist leicht, dem Weltgeschehen den Rücken zu kehren und sich von Unterhaltungsshows berieseln zu lassen. Es ist bequem, Veganer zu belächeln, den eigenen Hund zu streicheln und herzhaft ins Steak zu beißen. Es ist blauäugig zu denken, die eigene Nichtwahl würde ein politisches Statement setzen. Wohin dies auf demokratischem, gesellschaftlichem und radikalem Weg führen kann, davon berichtet Juli Zeh. Ihr Roman ist ein hochaktuelles, hochbrisantes und besonders wichtiges Stück zeitgenössischer Literatur. Unbedingt lesenswert!

Juli Zeh: Leere Herzen.
Luchterhand Literaturverlag, November 2017.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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