Judith Fanto: Viktor

Der Name Viktor steht für Sieger. Viele Jahrzehnte hat seine Familie dies ausgeblendet. Denn viel zu schmerzlich sind ihre Erinnerungen. Und als Geertje 1975 zur Welt kommt, steht sie vor einer Wand des Schweigens. Sie lernt, still zu sein, nicht zu fragen und genau zuzuhören. Doch je älter sie wird, um so drängender wird der Wunsch, mehr über ihre Familie und Viktor zu erfahren. Die Suche nach der Wahrheit und der eigenen Identität entwickelt sich für sie zu einer Obsession. Geertje, die als junge Erwachsene Judith heißen will, kann nicht anders. Sie muss die Wahrheit wissen.

In ihrem preisgekrönten Debüt, übersetzt aus dem Niederländischen von Eva Schweikart, erzählt Judith Fanto, wie tiefgreifend und zugleich nachhaltig der Nationalsozialismus Kultur und jüdisches Leben zerstört hat. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Familiengeschichte beschreibt sie, wie in Wien die Familie Rosenbaum immer mehr Ungerechtigkeit und Ausgrenzung erfährt.  Nach dem Ersten Weltkrieg lebt die Familie in begüterten Verhältnissen. Anton, der Patriarch, lebt als erfolgreicher Anwalt seine Vorstellungen von Recht und Unrecht seinem ältesten Sohn Viktor vor. Gleichzeitig zelebriert er wie alle anderen Familienmitglieder Mahlers Musik. Diese Hingabe zum jüdischen Komponisten bestimmt das Familienleben so stark, dass sie in allem Bezüge zu seiner Biografie herstellen. Gleich zu Beginn des Romans berichtet die Ich-Erzählerin Geertje: „Meine Großmutter wurde an dem Tag geboren, an dem Gustav Mahler starb.“ (S. 13)

Die Konstante zu Mahlers Musik leuchtet so hell, dass Geertje schon recht früh auffällt, wie wenig Raum für Erzählungen über abwesende Familienmitglieder übrig bleibt. Es sieht so aus, als müsse die Musik eine Leere füllen, die man genaugenommen nicht mit einem Stellvertreter füllen kann. Besonders hartnäckig wird das Schweigen, wenn es um Viktor, den Bruder ihres Großvaters geht. Er sei anders gewesen und angeblich völlig aus der Art geschlagen. Geertje lernt, indirekt zu fragen. Doch die Blockaden sind zu groß, als dass sie Klarheit über die Vergangenheit gewinnt.

Judith Fanto baut für ihre Familiengeschichte und die Suche nach Geertjes Identität zwei Erzählstränge auf. Auf jeder von ihnen dürfen die Leser:Innen miterleben, wie Geertjes und Viktors Kindheit verläuft, beide erwachsen werden und jeder für sich wegweisende Entscheidungen trifft.

Spannungsreich und berührend liest sich Geertjes/Judiths und Viktors Weg, als wäre zwischen zwei Buchdeckeln Geschichte lebendig geworden. Der wunderschön erzählte Roman erzeugt auch die unvermeidbare Traurigkeit. Denn wer über die traumatisierende Judenverfolgung erzählt, lässt jeden bei der wertvollen Lektüre begreifen, warum für Vergangenes die Worte fehlen. Mitunter ergeben sich Redewendungen, die für Außenstehende eine andere Bedeutung haben als für die Betroffenen: „Otto? Der lebt nicht mehr.“ (S. 67)

Der Autorin gelingt es, bravourös dort Worte zu finden, wo das Schweigen übermächtig ist. Mit Charme, Empathie und ganz viel Liebe verpackt sie ihre Version der Verarbeitung.

Judith Fanto: Viktor.
Aus dem Niederländischen übersetzt von Eva Schweikart.
Urachhaus, Mai 2021.
415 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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