John Marrs: Die gute Seele

Laura hat ein großes Herz. Die Mutter von drei Kindern arbeitet ehrenamtlich für die Telefonseelsorge, bringt ihren Kolleginnen und Kollegen selbst gebackenen Kuchen mit, flickt deren Kleider und sammelt unermüdlich Spenden für den guten Zweck. Sie kümmert sich hingebungsvoll um ihren Sohn Henry, der wegen einer schweren geistigen Behinderung in einem Heim lebt und um ihren ehemaligen Pflegebruder Nate, der nach einem Gefängnisaufenthalt obdachlos geworden ist.

Deshalb versteht sie auch nicht, warum ihr Mann Tony sich von ihr zurückgezogen hat und ihre beiden Töchtern Effie und Alice Abstand zu ihr halten. Sie lässt nichts unversucht, um Tony zurück zu gewinnen und die Familie wieder glücklich zu vereinen. Wer kann ihr das zum Vorwurf machen? Nach einer schweren Kindheit mit dem frühen Tod der Eltern und einer Jugend in Pflegefamilien und Jugendheimen, sehnt sie sich nach Liebe und Geborgenheit. Wie schwer die Verletzungen von damals wiegen und wie zerstörerisch sie sich auf Laura und ihre Umwelt auswirken, zeigt sich erst nach und nach. Oder liegt auch etwas Böses in ihren Genen?

Ryan versinkt in Trauer, Verzweiflung und Wut. Gerade als er dachte, seine Frau Charlotte hätte sich von ihren Depressionen erholt, stürzt sie sich gemeinsam mit einem Fremden von einer Klippe und tötet nicht nur sich selbst, sondern auch ihr ungeborenes Kind. Hat er seine Frau tatsächlich so wenig gekannt? Warum hat sie ihm das angetan? Er beginnt zu recherchieren und findet heraus, dass Charlotte in ihren letzten Wochen viele Male mit der Telefonseelsorge telefoniert hat. Nun ist er nicht mehr zu halten. Er muss alles wissen. Ist es tatsächlich Laura, die Menschen, die bei der Seelsorge Hilfe suchen in den Selbstmord treibt?

So beginnt der britische Journalist und Autor John Marrs in seinem neuesten Psychothriller „Die gute Seele“ ein Katz- und Maus-Spiel, in dem Laura und Ryan beginnen, sich ohne Rücksicht auf Verluste zu bekriegen, mal ist Ryan einen Schritt voraus, mal Laura. Wer am Ende gewinnt, bleibt lange Zeit offen, denn vor allem Laura ist eine Meisterin darin, ihr Umfeld zu manipulieren und zu instrumentalisieren. Sicher ist in diesem Roman gar nichts, auch wenn ich hin und wieder mit meinen Vermutungen über den weiteren Verlauf richtig gelegen habe. Ab und zu mischt allerdings auch der Zufall kräftig mit.

„Die gute Seele“ funktioniert für mich nicht nur als spannender Psychothriller, sondern auch als Psychogramm über verletzte Seelen, aus denen mehr Schlechtes hervorbricht, als man sich vorstellen möchte. Nicht nur einmal habe ich mich gefragt, was unsere Gesellschaft dazu beiträgt, dass es so weit kommen kann. Können wir als einzelne Personen, Gewalttaten durch besseres Zuhören, mehr Mitgefühl, Vertrauen und unser Tun verhindern?

Die überzeugende Sprache, der Stil und die Übersetzung von Tanja Lampa machen das Lesen zum (manchmal gruseligen und beängstigenden) Vergnügen. Einzig, dass Geldbeträge bei einem Roman, der in Großbritannien spielt, in Euro angegeben sind, hat mich irritiert.

Insgesamt ein empfehlenswerter Psychothriller, dessen kleine Schwächen den Lesegenuss nur wenig beeinträchtigen.

John Marrs: Die gute Seele.
Edition M, Dezember 2018.
462 Seiten, Taschenbuch, 7,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.