John Boyne: Die Geschichte eines Lügners

Der irische Autor John Boyne nimmt in seinem neuen Roman „Die Geschichte eines Lügners“ sein eigenes Metier aufs Korn: die Schriftstellerei.

Maurice Swift ist ein gutaussehender junger Mann, der unbedingt ein berühmter Schriftsteller werden will. Kleines Problem: Ihm fehlt es an Talent. Vor allem tut er sich schwer damit, einen interessanten Plot – also eine Handlung – zu erfinden. Um sein Ziel trotzdem zu erreichen, geht er im weiteren Verlauf dieser Geschichte nicht nur sprichwörtlich über Leichen. Sein erstes Opfer ist Erich Ackermann, der als 17-Jähriger in der Nazi-Zeit aus Liebe eine große Dummheit begangen hat, indem er den Nazis zwei Juden ausgeliefert hat. Swift schlachtet diese Geschichte zu einem Roman aus, der ihn zwar berühmt macht, aber gleichzeitig Erich Ackermann zugrunde richtet.

Weitere Opfer folgen, darunter sogar Mitglieder aus seiner eigenen Familie. Doch es gibt auch Menschen, die dem Betrüger gewachsen sind: der Schriftsteller Gore Vidal zum Beispiel, also eine nicht fiktive Figur, den unser Anti-Held einmal in seinem Haus an der Amalfiküste besucht.

Interessant an diesem Roman ist nicht nur sein Thema, sondern auch seine abwechslungsreiche Erzählperspektive. Teil 1 ist in Ich-Form aus der Sicht Erich Ackermanns geschrieben, Teil 2 aus der Sicht von Edith, Swifts Ehefrau, und Teil 3 aus der Sicht von Maurice Swift selbst. Hinzu kommen zwei „Zwischenspiele“. Immer liegen mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte zwischen den Kapiteln.

Gelegentlich fühlt man sich bei der Hauptfigur an den „talentierten Mister Ripley“ erinnert, also jene genauso aalglatte wie abgrundtief bösartige Figur von Patricia Highsmith.

Insgesamt wirft der Roman kein gutes Licht auf die Literaturbranche: Ideenklau, Neid, Missgunst und Intrigen scheinen hier an der Tagesordnung zu sein, wenn in diesem Text auch nur ein Körnchen Wahrheit steckt. Für den Leser ist das alles sehr unterhaltsam.

John Boyne: Die Geschichte eines Lügners.
Piper, Januar 2021.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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2 Kommentare zu “John Boyne: Die Geschichte eines Lügners

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