Johanna Adorján: Ciao

Bissig, schreiend komisch, treffsicher pointiert: Der einst gefeierte Feuilletonist Hans Benedek sieht sich selbst als Alphatier, erkennt aber nicht, dass er längst auf die Liste aussterbender Tierarten gerutscht ist. In seinen Augen ist er ein charmanter Meinungsbildner, in den Augen seines weiblichen Umfelds ein Macho, der den Anschluss in die Moderne verpasst hat. Er betrügt seine Ehefrau, schläft mit jungen Praktikantinnen, kategorisiert Frauen nach der Größe ihrer Brüste. Doch nun drängen Kolleginnen in Chefetagen, nehmen ihm seine Ressorts weg. Personifiziert wird die neue Generation selbstbestimmter Frauen durch die Feministin Xandi Lochner. Die Influencerin hat den Bestseller geschrieben, der ihm bislang versagt blieb. Sein Versuch an ihrem Erfolg zu partizipieren, indem er ein Porträt über sie schreibt, endet in einer Totalkatastrophe. Diese Chronik eines angekündigten Todes (zumindest auf dem gesellschaftlichen Parkett) ist großes Kino. Vor allem für diejenigen, die selbst in der Kultur- und Medienbranche zugange sind.

Der Charme von Adorjáns Buch liegt darin, dass sie ihre Protagonisten ausgewogen porträtiert. Es gibt keine reinen Sympathieträger oder Antagonisten. Auch die Absurditäten der modernen Welt werden trefflich skizziert. Was ist politisch korrekt und was nicht? Jene ewig gleichen Vernissagen, in denen dieselben Leute immer älter und festgefahrener in ihren Ansichten werden, sind nur mithilfe eines Joints und eines verbotenen Kusses zu ertragen. Hinter Benedeks aus der Zeit gefallenem Auftreten steckt die Angst, nicht mehr mithalten zu können. Von der Gendersprache über Anglizismen bis hin zur Verschiebung ins Digitale. Ohne Instagram-Account ist selbst der hellste Kopf heute praktisch unsichtbar. Plötzlich treten „neue Männer“ wie Lothar Herzig auf den Plan, die auf Social Media mit Motivationssprüchen durchstarten und polyamore Beziehungen pflegen. Das soll noch einer verstehen! Auch die weiblichen Figuren handeln im Plot durchaus manipulativ, wissen einerseits Vorteile für sich zu nutzen, strudeln andererseits zwischen Political Correctness und der richtigen Verwendung von Primer. Auf viele Fragen gibt es scheinbar keine einfachen Antworten. Ein Beispiel: Warum sollte es Benedek als Mann untersagt werden, ein Porträt über eine Feministin schreiben? Der Journalist versteht die Aufregung nicht. Man muss doch auch nicht jüdisch sein, um einen Bericht über einen Holocaust-Gedenktag zu verfassen. Oder in Benedeks Gedanken ausgedrückt: „Tolstoi war nach heutigem Wissensstand keine Frau gewesen und hatte es dennoch fertiggebracht ‚Anna Karenina“ zu schreiben, und hatte sich jemals eine Frau auf dieser Welt darüber beklagt, in diesem Meisterwerk als Frau schlecht repräsentiert zu sein? Meister*innenwerk, dachte Hans grimmig.“ (S. 145)

Auch wenn wir im Roman in atemlosem Tempo der schwarzhumorigen Dekonstruktion von zwei männlichen Medienstars beiwohnen dürfen, sind es gerade die Szenen zwischen Frauen, die starken Eindruck hinterlassen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Adorjáns Buch mit Henriette, Benedeks Frau, beginnt und endet. In der ersten, hervorragend choreografierten Szene begegnen sich Xandi Lochner und Henriette Benedek in einem Restaurant. Beide verkörpern unterschiedliche Generationen von Feminismus. Die eine den radikalen, die andere den pragmatischen. Henriette hatte vor 20 Jahren einen Gedichtband geschrieben, der von Xandi sehr verehrt wird. Doch während des Gesprächs wird klar, dass Henriette Xandis Erwartungen nicht entsprechen kann. Sie hat das Schreiben aufgegeben, um sich als Frau Benedek ihrer Tochter und ihrer Yogalehrer-Ausbildung zu widmen. Von Lyrik kann schließlich niemand leben. Und YouTube gabs damals noch nicht! Henriette bestellt Lamm (Xandi ist Veganerin), Weißwein (Xandi Rhabarberschorle) und kommentiert einen Fall von sexueller Belästigung am Telefon mit der Äußerung: „Aber man kann doch auflegen!“ (S. 28) Plötzlich ist die Luft raus, Henriette zutiefst verunsichert von der selbstbewussten Frau, die sie selbst nie sein konnte. Oder könnte sie eines Tages doch noch…?

Johanna Adorján hat mit ihrem neuen Roman eine topaktuelle Gesellschaftssatire zum Thema „alte, weiße Männer in der Medienbranche“ geschrieben. Kennen wir momentan aus den Schlagzeilen. Aber nicht aus dieser Perspektive. Denn die Autorin dreht den Spieß einfach um. Wir schwanken zwischen Verständnis und Schadenfreude, wenn wir Hans Benedeks Blindflug in den Abgrund begleiten. Erstklassige Unterhaltung. Hier ist jede Pointe – sprichwörtlich – auf den Punkt gebracht.

Johanna Adorján: Ciao.
Kiepenheuer&Witsch, Juli 2021.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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