Joey Comeau: Überqualifiziert

Joey hat genug davon, an den immergleichen Bewerbungsschreiben zu sitzen, seine eigenen Fehler zu kaschieren und Lügen aufzutischen, die er nicht einmal selbst glauben möchte.

In der aalglatten Person, die ihm aus seinen Bewerbungsschreiben entgegenstrahlt, erkennt er sich nicht wieder und als sein Bruder von einem Auto erfasst wird und um sein Leben kämpft, hat Joey es endgültig satt. Und schnell ist klar, dass es längst nicht mehr nur um einen Job geht. Seine Bewerbungen an verschiedenste Arbeitgeber gestalten sich grotesk und erlauben einen Einblick in Joeys Leben: Bei Absolut Vodka bewirbt er sich um eine Stelle im Marketing, da er über Erfahrung mit Alkohol verfügt („Lieber Absolut Vodka …“). Und da er Levi Strauss & Co gegenüber betont, ein eigenes Leben zu haben, ist er durchaus bereit, für schlecht gelaunte Kunden die richtigen Hosengrößen herauszusuchen, um eben dieses Leben führen zu können.

Als Santa Claus zu arbeiten – ohne Erfahrung mit Kindern zu haben, aber angeklagt wegen Belästigung und mit dem Eingeständnis, Kinder zu hassen – wird ihm kaum gelingen.

„Weißt du noch, wie es war, das Beste im Mann zu sein?“, fragt er Gilette (besser, den „lieben Gilette“) und Paramount Pictures vertraut er an: „Ich möchte Horrorfilme schreiben“.

Das liebe Queen Elisabeth Krankenhaus, das liebe MIT, Nintendo, Yahoo und andere Arbeitgeber zieht Joey in Erwägung, bietet ihnen seine Arbeitskraft und Fähigkeiten an.

Diese sind vielfältig, so gesteht er einer Finanzdienstleistungsfirma, dass er Experte in Sachen Telefoninterviewer, besser –Scherzer sei, seit er acht Jahre alt ist. Auch als Buchhalter zu arbeiten, der Bücher „jetzt schon seit vier Jahren behält“, kann er sich vorstellen, eine Linguistik-Professur würde er ebenso wenig ausschlagen.

Joey lässt den Leser im Verlauf des Buches mehr und mehr an seiner Kindheit teilhaben, nennt sich selbst einen Perversen, erzählt von Sex, Einsamkeit und Verlust.

Stellenbeschreibung, Darstellung der Fähigkeiten des Bewerbers, Verzweiflung, Unlust und das Eingeständnis, halt eben arbeiten zu müssen, führen den Darstellungswahn und das Anpreisen der eigenen Person mit all ihren Fähigkeiten ad absurdum. Lügen und Täuschen wir nicht alle in unseren Bewerbungen? Und spielt das echte Leben nicht ganz woanders?

Der autobiografische Briefroman des kanadischen Schriftstellers liest sich mühelos in einem Rutsch durch; doch so lustig und poetisch das Buch mit absurden Bewerbungsschreiben beginnt,  so drastisch endet es.

Ein zweites, intensives Lesen lohnt sich, um alle Tiefen des Textes auszuloten.

Unbedingt lesen!

Joey Comeau: Überqualifiziert.
Luftschacht, April 2018.
112 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Corinna Griesbach.

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