Jörg Scheller: Metalmorphosen: Die unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal

Die Beschreibung dieses Buches hat mich neugierig gemacht. Liberalismus, Religion, Gender, Stricken, Psychotherapie, Kosmetik – und das alles in Verbindung mit Heavy Metal. Wie kann das funktionieren? Jetzt weiß ich: Es funktioniert großartig. Jörg Scheller, Professor für Kunstgeschichte an der Zürcher Hochschule der Künste, in dessen Leben der Metal schon seit langer Zeit eine große Rolle spielt, verknüpft Bereiche miteinander, die auf den ersten Blick nichts oder wenig gemeinsam haben.

Er nähert sich dem Thema zunächst nicht nur von der musikalischen Seite an, sondern geht auch auf die Ästhetik und die Texte ein. Denn: „Erst durch das mal unisone, mal kontrapunktische Zusammenspiel von Musik und visuellen sowie verbalen Elementen wird Metal zu einem eigenständigen Genre.“ (Intro. Happy Metal? Seite 21)

Er geht auf die prägenden Stilelemente ein, grenzt den Metal aber auch ab, beispielsweise gegenüber dem Hard Rock oder dem Punk. Historisch hat sich der Metal permanent weiterentwickelt und tut es noch. So sind die verschiedensten Subgenres entstanden, die alle „zur Familie“ gehören. Beeindruckt hat mich hier vor allem die Integrationskraft des Metal, bei dem es meist kein „Nebeneinander“ von Stilen oder Elementen (auch aus anderen Genres) gibt, sondern eine gegenseitige Durchdringung, bei der Neues geschaffen wird.

Wie eng der Autor mit der Musik verbunden ist, zeigt sich für mich vor allem in den Passagen, in denen er Stücke beschreibt. Hier wird seine Sprache mitreißend bildhaft. Ein Beispiel, in dem es um „Victim of Changes“ von Judas Priest geht: „Vor allem zu Beginn steht der Song mit seinem wuchtig-lässigen Drumming und den pelzig verzerrten, locker aus dem Handgelenk geschüttelten Gitarrenlicks in der Tradition des bluesigen Hardrocks der 1960er- und 70er-Jahre. Aber dann: ein Break auf Höhe 1:50, ein paar lang ausklingende Gitarrenakkorde und ein druckvoll abgedämpftes, von Bass, Rhythmus- und Leadgitarre unison geschrubbtes Sechzehntelriff, wie es für Metal zum Markenzeichen werden sollte.“ (Back to the Primitive. Die Archaik des Metal, der Blues und der Atomkrieg, Seite 50)

Darüber hinaus analysiert er die Einbindung des Metal in Kunst, Kultur, Gesellschaft, Politik und Religion und kommt dabei zu für mich erstaunlichen, aber (auch wissenschaftlich) gut belegten und nachvollziehbaren Ergebnissen (die ich im einen oder anderen Fall aber trotzdem nicht teilen kann). Religion oder „Anti-Religion“ ist im Metal relativ offensichtlich, aber die Verbindung von Metal zum Liberalismus habe ich bisher so nicht gesehen. Auch seine Ausführungen zu Frauen im Metal haben mir mehr als ein Aha-Erlebnis beschert.

Jörg Scheller geht auch auf die negativen Aspekte ein, die dem Metal (Musikern wie Fans) unterstellt werden. Manche entlarvt er als Vorurteile oder zeigt sie aus einer anderen Perspektive, aber er blendet auch nicht aus, dass es beispielsweise in bestimmten Subgenres zu gewissen Zeiten zu Gewalt gekommen ist. Nicht immer stand der Autor mit dem Metal auf gutem Fuß, aber – wie er in seinem Nachwort auf Seite 268 schreibt – er kehrte immer wieder zurück zur Metal-Musik mit „ihrer spannungsvollen Gleichzeitigkeit von Freiheit und Ordnung, Rebellion und Rückzug, Skepsis und Begeisterung, Härte und Vielfalt.“

Toll fand ich die Interviews mit den Metal-Musiker*innen, die durchweg reflektiert und sehr sympathisch rüberkommen. Durch die musiktheoretischen Analysen von Dennis Bäsecke-Beltrametti wurde mir einmal mehr bewusst, wie viele Überlegungen in einer Komposition stecken können. Und das Cover von Stefanie Ernst ist für mich der Hammer.

Ich bin kein ausgewiesener Metal-Fan. Nicht mit allen Spielarten kann ich etwas anfangen, aber zwischendurch höre ich ihn gerne. Für mich sind die „Metalmorphosen“ ein rundes Gesamtpaket: abwechslungsreich, mit Herzblut und Tiefgang geschrieben, fundiert und mit spannenden Einblicken in die Metal-Welt und Ausblicken in andere Richtungen der Musik, aber auch der Politik, Kultur und Gesellschaft. Sehr lesens- und empfehlenswert für alle, die sich für eine solche Melange interessieren.

Jörg Scheller: Metalmorphosen: Die unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal.
Franz Steiner Verlag, Mai 2020.
286 Seiten, Taschenbuch, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.