Jochen Rausch: Im Taxi: Eine Deutschlandreise

Jochen Rausch (Jahrgang 1956) ist Journalist, Autor und Musiker. Seit 2000 ist er Programmchef von 1LIVE und seit 2015 zusätzlich von WDR 2 und WDR 4. Rausch hat seit 2008 mehrere Bücher geschrieben, darunter Erzählungen und Romane. Der Grimme-Preisträger lebt in Wuppertal und bezeichnet sich selbst als „notorischen Taxinutzer“. Nun hat er seine über Jahre gesammelten Taxi-Gespräche in einem Buch vereint. Das Taschenbuch erschien am 12. Januar 2017 im Berlin Verlag.

Darin 120 Mini-Monologe von Taxifahrerinnen und –fahrern in Deutschland, die eindrücklicher nicht sein könnten. Auf je einer Taschenbuchseite erzählen die Männer und (wenige) Frauen aus Berlin, Hamburg, Bochum, Köln, Chemnitz oder München über sich: wer sie sind, woher sie kommen, was sie denken.

Da sagt zum Beispiel ein Hamburger Taxifahrer: „Ich bin ein sehr glücklicher Taxifahrer. Aber eigentlich bin ich Arzt. Ich habe in Teheran Medizin studiert“. Oder die Taxifahrerin in Chemnitz: „ Warum eine alte Frau Taxi fährt? Wegen der Rente. Die reicht nicht. Ich will keine Almosen. Man hat ja seinen Stolz.“

In kurzen Sätzen fassen die Chauffeure die Lage unseres Landes zusammen:

„Ich glaube, es gibt bald Krieg in Deutschland. Alle sind so wütend wie in Zagreb vor dem Krieg.“

„Ich glaube, Deutschland wird auch noch das beste Land für den Islam.“

„Jetzt sind die deutschen Waffen in Syrien, und die Syrer sind in Deutschland. So einfach ist das.“

Die Aussagen der Taxifahrer sind mal ernst, mal heiter, mal weise und mal eher nicht. Es geht in den Gesprächen um Allerwelts-Themen: Familie, Heimat, Politik, Fußball oder Musik. Als Lesende hat mich die Intensität  und Kraft dieser Mini-Monologe überrascht und manchmal erschreckt, da heißt es z.B. in „Wo ich herkomme“:

„Aus Sarajevo komme ich. Meine Frau und meine Söhne wurden erschossen von Scharfschützen. Meine Frau wollte Wasser holen vom Tankwagen und Nudeln kochen für die Kinder. Jetzt wissen Sie, wo ich herkomme.“

Diese Deutschlandreise lässt tief blicken in Leute und Land, sagt sie doch ebenso viel über die Taxifahrer wie über ihre Fahrgäste. Und sie überzeugt durch ihre Direktheit.

Jochen Rausch hat im Taxi genau hingehört, später aufgeschrieben und verdichtet. Dabei ist es ihm gelungen, den individuellen Ton seiner Gesprächspartner zu erhalten, Stimmen und Stimmungen auf kleinstem Raum wiederzugeben und eine einheitliche Form für alle 120 Geschichten zu finden.

„Im Taxi“ ist Dokumentation und Literatur in einem, kurz und knapp, aber verdammt gut. Bitte lesen oder im Radio (WDR 5) hören.

Jochen Rausch: Im Taxi: Eine Deutschlandreise.
Berlin Verlag, Januar 2017.
128 Seiten, Taschenbuch, 9,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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