Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff, der schreibende Schauspieler, hat einen weiteren Band seiner autobiografischen Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ vorgelegt. Diesmal geht‘s in ein Krankenhaus in der Wiener Peripherie.

Während Meyerhoff mit seiner Tochter Schulstoff bespricht, bemerkt er plötzlich, dass er sich halbseitig nicht mehr bewegen kann – er hat einen Schlaganfall erlitten, und die Odyssee aus Fahrt im Krankenwagen, Einlieferung auf die Intensivstation sowie Kontakten mit Ärzten, Schwestern und Mitpatienten beginnt.

Obwohl ein Krankenhausaufenthalt eigentlich kein Spaß ist, behandelt der Autor ihn mit dermaßen viel Witz, dass man stellenweise aus dem Lachen nicht mehr herauskommt – zum Beispiel wenn er beschreibt, wie sich sein unbeweglicher Fuß unter einem Rollstuhl verheddert oder er immer wieder versuchen muss, sich mit der kranken Hand an die Nase zu fassen. Meist vergeblich.

​Doch Meyerhoff gelingt zugleich der Spagat, auch das Ernsthafte der Situation herauszustellen. So kann er nachts aus Angst vor einem weiteren Schlaganfall nicht schlafen. Auch liegen seine Nerven derart blank, dass er bei kleinsten Gelegenheiten in Tränen ausbricht.

Insgesamt macht der Roman einen äußerst glaubwürdigen und authentischen Eindruck. So detailreich kann nur jemand schreiben, der diese Situation exakt so erlebt hat. Das fängt beim Austeilen des Frühstücks an und geht beim Kampf um das einzige Badezimmer der Intensivstation weiter. Auch vor Intimem macht Meyerhoff nicht halt: dem verzweifelten Versuch, vom Bett aus in eine Flasche zu urinieren oder der gewöhnungsbedürftigen Situation, von zwei Pflegern von oben bis unten gewaschen zu werden.

​Wer selbst einmal im Krankenhaus war, wird in diesem Roman vieles finden, das ihm ausgesprochen bekannt vorkommen dürfte.

Joachim Meyerhoff gehört heute zum Ensemble der Berliner Schaubühne.

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet.
Kiepenheuer&Witsch, September 2020.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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